Wiener Strafverteidiger und ihr hoher Preis

Für den Gerichtserfolg braucht man einen Anwalt mit gutem Draht zum Richter. (Symbolfoto Marcus J. Oswald in Wien 18)
(Wien, im August 2006) Was kosten Wiener Strafverteidiger und Anwälte? Einige „Blaulicht und Graulicht“-Schmankerl. Zusammengetragen vom Herausgeber Marcus J. Oswald.
Werner Tomanek
1. Der Wiener Rechtsanwalt Werner Tomanek vertrat kürzlich einen „Augustin“-Verkäufer (sieben Jahre Handverkäufer der Obdachlosenzeitung „Augustin“), der im Verdacht stand, einen bewaffneten Raub auf ein Wettbüro gemacht zu haben. Der Mann, vorbestraft und mit gerichtlicher Vergangenheit, aber schuldlos im Fall,
saß vier Monate in U-Haft. Beim Prozess erfolgte ein Freispruch.
Tomanek verlangte für seine Rechtsvertretung 8.000 Euro voraus. Danach stellte er auf Nachfrage eine Detailrechnung, die genau 8.000 Euro ausmachte. Wie weit es ethisch vertretbar ist, von einem ehemaligen Handverkäufer der Obdachlosenzeitung „Augustin“ 8.000 Euro Honorar zu verlangen, steht auf einem Blatt.
Wie weit es vertretbar ist, Schlangenlederstiefel aus Thailand zu tragen, auf einem anderen. Seine Ehe soll in
einer veritablen Krise liegen. Man munkelt von Scheidung und Rotlichtaktivitäten seiner Gattin.
Rudolf Mayer
2. Der Wiener Rechtsanwalt Rudolf „Rudi“ Mayer ist Spätberufener. Nach einer Kellnerlaufbahn begann er mit 36 Jahren ein Jusstudium. Der Ober-Schmäh blieb. Er ist ein guter Verkäufer. Rudi Mayer ist mittlerweile Teil der Wiener „Staranwaltsszene“. Rund 10-15 Anwälte gehören am Wiener Straflandesgericht in die Riege der „Gutverdiener“. Mayer ist oft in der „Kronen Zeitung“ auf der Gerichtsseite abgelichtet. Daher hat er in der breiten Bevölkerung einen „Namen“.
Er nimmt für eine Rechtsvertretung grundsätzlich 4.000 Euro Anzahlung (früher: 50.000 Schilling). Diese sind „cash“ in sein Büro zu bringen. Raten sind nicht gewünscht. Sitzt der Beschuldigte in Haft, muss seine Familie
für das Vorabhonorar aufkommen. Maier hat oft 20 Fälle „parallel“ laufen. In Wartezimmern Wiener Haftanstalten wird erzählt, dass fünf von zehn Insassen „auf den Mayer“ warten. 10 Minuten Besprechung, vielfach wird ein strafmilderndes „Geständnis empfohlen“ – nächster Kandidat. Es sind auch zynische Klagen über Mayer vorhanden. Von „Massenabfertigung“ ist die Rede.
Umgekehrt wird an ihm gelobt, dass er „Prozessanwalt“ ist, der die Dramaturgie beherrscht. Einer, der im Gerichtssaal viel redet. Die „Hütchenspieler von Wien“ brachte er damit frei, dass er sie auf dem Richtertisch
das „Hütchenspiel“ vorführen ließ und so den Richter überzeugte. Freispruch im Betrugsprozess!
Peter Philipp
3. Der Wiener Rechtsanwalt Peter Philipp ist nun in der 5. Generation tätig. Peter Philipp hat im Wiener Landesgericht sein zweites zu Hause. Er geht überall aus und ein, telefoniert vom Festnetz der Gerichtsabteilungen, ist mit vielen per Du. In der Wiener Szene hat er einen Namen wie sein Vater, der schon in den 60er und 70er Jahren Strafverteidiger war. Philipp hat seinen „Preis“.
Der Wiener Angeklagte und Nachtbarbetreiber Harry N., der einen überaus gefinkelten und subtilen Einbruch in eine Bank durchführte, hatte Peter Philipp als Anwalt. Nicht zum ersten Mal. Diesmal saß er einige Monate in Untersuchungshaft. Zum Einbruch am Laaerberg, obwohl gut gefilmt und durch Fingerprints überführt, gab der Harry Nemeth kein Geständnis ab. Auch den Verbleib der Beute (1.4 Mio Schilling) verriet er nicht. Drei Jahre Haft. Anwalt Philipp kostete Harry Nemeth knapp nach der Jahrtausendwende 70.000 Schilling. Er verriet, was Philipp für einen „Raub“ kostet: 90.000 bis 120.000 Schilling. Für eine „Mordanklage“ kann man rund 200.000 bis 250.000 Schilling rechnen.
Carl A. Pototschnigg
4. Ein Wiener Innenstadtanwalt, der sein Büro seit 8 Jahren direkt am Stephansplatz im dritten Stock hat und dessen Vater Oberstaatsanwalt ist, gab dieser Tage Auskunft, was seine Taxen sind. Carl Anton Pototschnigg geht bei einem Einzelrichterverfahren von 4.000 Euro aus. Bei einem Schöffenverfahren mit Berufung und Rechtsmittel von 10.000 Euro in Summe.
Kürzlich hatte er einen vertrackten Fall. Eine Tätergruppe von vier Personen entriss einer alten Frau eine Handtasche. Im Zuge des Handgemenges starb die Frau. Folge: Mordanklage. Vier Angeklagte, vier Anwälte. Pototschnigg vertrat einen, bei dem es darum ging, den Mordvorwurf wegzubringen. Das gelang. Es wurde Körperverletzung mit Todesfolge. Sieben Jahre Haft. Die Kosten für die Rechtsvertretung im fünftägigen Schwurprozess beliefen sich für den Mann auf knapp über 20.000 Euro. Das findet der Advokat, ein analytischer, präziser Strafrechtler, okay. „Schließlich ging es im Verfahren um seine Existenz“, so der Verteidiger mit kalter Schnauze.
Elmar Kresbach
5. Der Wiener Anwalt Elmar Kresbach gehört zu denen, die sich niemand leisten kann. Oder will. Die Honorarnoten bei ihm gelten als die Hohe Schule der Abrechnungskunst. Missliebige Anwälte wie
Dr. Thomas Kralik sagen unter der Hand und nicht publikabel, dass zu ihm viele Beschwerden bei der Rechtsanwaltskammer Wien eingehen. Als Ernst Walter Stummer bei einem drittletzten Verfahren (Ende 2000)
den Anwalt Kresbach zu sich in die Justizanstalt bat, winkte dieser ab. „Ohne Geld keine Verteidigung.“
Geld hat auf Kresbach eine magische Wirkung. Sein Büro am Schottentor will finanziert werden. Er fiel mit seinen Abrechnungskünsten jedoch schon auf die Nase. Als er 1999 den Betreiber des „Deutschen Video Ring“ in den Justizanstalt Klagenfurt besuchte und sich nach zwei Wochen U-Haft als dessen Anwalt „vorstellte“, versprach er rasche Enthaftung. Herr Kneuper blieb 20 Monate in U-Haft, kam erst beim Prozess frei (salomonisches Urteil:
20 Monate fest). Rechnung aus Wien: 1,4 Millionen Schilling Honorar (damals: 200.000 DM). Der Unternehmer
klagte von Kresbach erfolgreich rund 1 Million Schilling „zurück“.
Kresbach vertrat David Irving (der offiziell wegen eines früheren Mammutverfahrens in London pleite ist), er vertritt Andre Martens Rhettberg (der offiziell pleite ist). Er wollte einst 2001 und 2002 (nach Astrid Wagner
und Rudi Mayer) auch die „Bestie von Favoriten“, Herbert Petsch, vertreten. Die Gage 250.000 Schilling wurde angeblich vom Magazin „News“ aufgebracht. Doch Petsch verjagte den Advokaten, der ihm ein Geständnis
einreden wollte.
Elmar Kresbach will die großen Causen mit Medienwirkung und den großen Schnitt. Im Interview mit der Zeitung „Der Standard“ sagte er, er würde auch Saddam Hussein verteidigen. Das wäre die ganz große Causa. Doch vier Anwälte von Hussein wurden bereits erschossen. Vielleicht doch zu gefährlich.
Herbert Eichenseder
6. Er ist seit knapp 40 Jahren im Advokatengeschäft. Heute wirkt er manchmal alt und müde, hat eine Menge graue Haare. Eichenseder ist wahrlich nicht billig. Aktuell vertritt er den „BAWAG-Flöttl jr.“. Dann vertritt er immer wieder Leute, die offiziell pleite sind. Wie den ehemaligen Eiskunstläufer und später gestrauchelten Unternehmer Wolfgang Schwarz.
Diesen vertrat er schon 2003 im Schöffenverfahren, in dem dieser 18 Monate Haft bekam. Erwirkt wurde „Haftaufschub wegen Hautkrebs“. Eichenseder vertrat Wolfgang Schwarz bei einem neuerlichen Schöffenverfahren 2005 wegen Verdacht der Schleuserei von Ost-Prostituierten. Er brachte für den nunmehrigen Häftling Schwarz einen Freispruch zusammen. Und er vertrat Wolfgang Schwarz dieser Tage bei einer Mega-Anklage nach „Erpresserischer Entführung“ (10-20 Jahre Rahmen). Er brachte ein Urteil unterhalb der Mindeststrafe
zusammen. Das müßte ihm viele Erfolgsboni bringen. Und viel Geld. Wie das Wolfgang Schwarz, der
gescheiterte Unternehmer, zahlt? Rätsel über Rätsel.
Zu Herbert Eichenseder geht die Kunde, dass seine Vertretung des Journalisten Peter Michael Lingens 1998
(Mekis-Kalal-Lingens-Schwurprozess) dem Journalisten dem Vernehmen nach 450.000 Schilling Honorar
gekostet hat!
Lingens erhielt 2 Monate bedingte Haft im Großen Prozessspektakel 1998 (der B&G-Herausgeber hat 51 Seiten Notizen an fünf Prozesstagen gemacht!) und wurde im Rechtsmittelgang komplett freigesprochen.
Herbert Eichenseder ist ein Strafrechtskünstler, ein Artist „alter Schule“ im komplizierten Geviert
Angeklagter, Geschworene, Staatsanwaltschaft, Richter. Aber sauteuer.
Marcus J. Oswald (Ressort: Anwalt, Justizkultur)




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