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Kunstdiebstahl aus Lebenskrise – 4 Jahre Haft für Robert Mang

Veröffentlicht in Diebstahl, Justizfälle von marcusjoswald am 7. September 2006

(Wien, im September 2006) Jeder Prozess um rumänische Hütchenspieler oder einen rauschgiftabhängigen BIPA-Serienräuber ist interessanter. Kriminaltaten von unbescholtenen Einzel- und Singulartätern (dazu gehören auch Blut- und Mordtaten) sind meist wenig interessant.

Sie geschehen in Lebenskrisen – wer hat diese nicht selber? Kriminaltaten aus Depression fehlt der Dämon, das grundlegend Elementarböse, die kriminelle Energie. Der Fall Mang ist kein Prozess des Jahres.

Wurstigkeit ist nicht kriminelle Energie

Mit 46 trennte sich seine Frau von ihm. Sein Anwalt Soyer sprach davon, dass sich bei ihm eine „innere Wurstigkeit“ einstellte. Nach der Scheidung ging die Ex-Frau eine Beziehung mit einem anderen Mann ein. Das machte es nur schlimmer. Ihm gingen zunehmend die Kopfhaare aus. Das machte es noch schlimmer.

Mit 47 erfuhr er, dass er Krebs hat. Ärzte sagten, dass es in zehn Jahren mit ihm steil bergab geht. Die Midlife-Crisis wurde total und komplett: Frau weg, Kinder weg, Haare weg, Gesundheit weg. Zu künftigen Metastasen und grausamem Ende wuchsen Existenzängste. Wer existenzielle Angst hat und keine Lösung sieht, öffnet dem Bruder Leichtsinn die Tür ins Bewußtsein.

Innere Leere mit Einbruchsdiebstahl überbrückt

Er beging einen Diebstahl. Keinen Laden- oder Handtaschendiebstahl. Einen Kunstdiebstahl. Den Tatort kundschaftete er eher zufällig aus. Wenn ein Mann, der einmal alles hatte – Frau, Kinder, Firma, gutes Aussehen und Verdienst – in seinem Alter (50) einsam wird, sucht er Orte der Begegnung auf. In diesem Fall war es der Tatort.
Er besuchte das Kunsthistorische Museum. Allerdings nicht wegen der „Alten Meister“, sondern wegen der „jungen Italienerinnen“.

Während er auf die „jungen Italienierinnen“ achtete und „ihnen nachging“, fiel ihm auf, dass das Gebäude schlecht alarmgesichert sei. Wenn ein Mann in seinem Alter, der einmal alles hatte, einsam wird, öffnet er Bruder Leichtsinn die Tür. Am 11. Mai 2003 stieg Robert Mang mehrere Etagen auf ein Baugerüst, schlug das Fenster zum Museum ein. Er griff das erstbeste Stück in Fensternähe, das in der Vitrine lag. Es war zufällig auch das Wertvollste im Haus. „Es war rein das Reinkommen und denen was Wegnehmen“, so Mang zum Richter. „Es war sehr leicht.“ Auch das Rauskommen war leicht. Entdeckt wurde er nicht. Seine Fingerabdrucke schienen nicht auf – unbescholten.
„Ich war überrascht, dass man mich zwei Jahre nicht fand.“

Kunstwerk unter Bett

Da seine Ex-Frau nicht mehr unter dem Bett sauber machte, da sie nicht mehr da war, stellte er die „Saliera“ zwei Jahre lang im Reisekoffer unters Bett. Später vergrub er sie fachgerecht in einem Wald im niederösterreichischen Brand, seine ländliche Zufluchtheimat.

Aus den Medien erfuhr er, wo das Kunstwerk versichert war. Da es in Österreich nur eine große Kunstversicherung gibt, die „Uniqua“, schrieb er dorthin einen Brief. „5 Millionen Euro“ forderte er, später „10 Millionen Euro“ – sonst werde das Salzfass goldenes Pulver. Finanzielle Absichten hatte er in Wahrheit nie. Er verdiente gut , war ungefährdet. Doch die Frau war weg, keine neue in Aussicht, die Inserate auf „www.love.at“ blieben ohne Erfolg. Aus dem Einbruchsdiebstahl aus Midlife-Crisis wuchs so etwas wie ein Erpressungsversuch aus schwerer Midlife-Crisis. So machte er halt auch noch dieses. Sein Anwalt sprach davon, dass es „Eigendynamik“ bekam. Unerklärbar, eigentlich.

Die große Müdigkeit

Der Fall Mang ist kein großer Kriminalfall. Er ist auch kein großer Erpressungsfall. Eher ein Kriminalfall aus depressiver Müdigkeit. Am Ende Selbstanzeige, Rückgabe der Saliera, Musterhäftling im Gefängnis.

Richter Stockhammer sah keine Erpressung, nur eine versuchte schwere Nötigung. Der Diebstahl war schwerwiegend auf Grund der Versicherungshöhe. Der Umstand des ungesicherten Baugerüstes am Museum schuf Nachsicht vor Recht. 4 Jahre Haft (48 Monate), real nach 32 Monaten Ende. Nun noch doppelt erschwerendes Damenungemach: Die Staatsanwältin geht in Berufung. Die Exfrau ist noch immer weg.

Robert Mang, der blass und abgemagert wirkt, wird es überstehen wie der Herausgeber seine Grippe. „Ich genier’ mich für das Ganze irrsinnig“, sagt er zum Schluss. Auch das sagt kein großer Meisterdieb.

Marcus J. Oswald (Ressort: Gerichtssaal)