Hot or Flop (1) – Justizanstalt Wien-Simmering

JA Wien-Simmering: Straf- und Untersuchungsgefängnis am Südostrand Wiens. Im Bild der 1998 eröffnete Neubau.
(Foto: Marcus J. Oswald für Blaulicht und Graulicht im Winter 2003)
Hot or Flop – Österreichische Justizanstalten (1) – Simmering (W)
BLAULICHT und GRAULICHT-Wertung: Zwei bis drei Sterne (**/*)
(Wien, im Mai 2008) Aktueller Stand: Knapp 530 Gefangene – gut 200 davon in U-Haft.
Historisches:
1250 bildeten Seitenarme der Schwechat im Osten außerhalb Wiens eine Insel, auf der sich die Burg Ebersdorf, getrennt vom gleichnamigen Ort, befand.
1269 und 1401 sind Wassergräben und Mauern der Burg in einem Testament einer Ministerialenfamilie erwähnt. Die Stadtarchäologin Karin Fischer-Ausserer legte unter anderem eine Quaderecke aus dem 13. Jahrhundert frei. Von der mitteralterlichen Burg zum Renaissance-Jagdschloß bis zur Justizanstalt, gab es acht Hauptbauphasen.
1493-1519 übernehmen die Habsburger unter Kaiser Maximilian I. die Burg und erweiteren sie zum Jagd- und Lustschloß.
1745 erklärt Doppelkönigin und Erzherzogin Maria Theresia („Kaiserin“ war sie nie), das Schloß zur Unterkunft und zum Arbeitshaus für Arme und Bettler.
1773 quartiert ihr Sohn Josef II. das Militär ein.
1920 adaptiert der Bund den leer stehenden Komplex als Jugendstrafanstalt.
1945 erfolgt die Umbenennung in „Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige“. Ab nun gründete sich der Ruf des „schlechtesten“ Erziehungsheims, einer „Hochschule für Kriminelle“.
Unter den 10-14 Gruppen gab es zwei Strafgruppen (die 3er und 5er-Gruppen), wo Jugendliche (14-21 Jahre alt) bei Vergehen wie Fluchtversuchen und ähnlichem inhaftiert und oft grausam bestraft wurden. Co-Autor dieser Zeilen, Fritz Olejak, befand sich 1964 in einer dieser Strafgruppen.
Anfang der 50er Jahre wurde ein Bezirksgericht mit Gefängnis in Kirchberg am Wagram (NÖ) zur Außenstelle der Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige umfunktioniert. Dies war die Non-Plus-Ultra-Strafgruppe von Kaiserebersdorf. Sicher gab es keine Erhebungen in diese Richtung – trotzdem ist anzunehmen, dass dort „behandelte“ Probanden gewiß zu über 90% Kriminelle wurden oder blieben.
Etwa so: Heizkohle nach Betragen, Nichtrauchen, Schweigegefängnis, einfache (vergitterte) Fenster, Hiebe und Sport als Disziplinierung: „Und 100 Liegestütze!“, „Zwölfte und unten bleiben!“, „Hoch und 13te und unten bleiben…“
In den 60-er Jahren gab es nach Arbeitsleistung (Splinten zupfen und Ähnliches) Belohnung. Die Wärme mit der Stückzahl der Briketts, ab 16 Jahren ein paar Zigaretten (Dreier) pro Tag. Die Hiebe und Sportdisziplinierung blieben. Diese damalige Außenstelle stand für Sadismus/Masochismus in Reinkultur.
1975 wurde dieses dunkle Kapitel und die Bundeserziehungsanstalt geschlossen. Ab da wurde es ein staatliches Gefängnis für Erwachsene.
Simmering Heute:
Wegen Überbelegung der JA Wien-Josefstadt wurde 1995-1998 ein Sicherheitstrakt in fünf Etagen für U-Häftlinge errichtet (Bild oben: B&G).
In diesem Neubau befinden sich heute 330 Mann (dabei auch Strafhäftlinge für diese ab 16 Uhr 30 Einschluß – die drogenfreie Zone auf der gleichen Abteilung hat bis 20 Uhr offen). Helle, reine Zellen. Fast alles 2-Mann-Zellen, sehr eng. 1 Stunde Hofgang pro Tag. Pro Woche 2 x 1/2 Stunde Besuch in einer Besucherzone, die als eine der besten in ganz Österreich gilt.
Das Essen ist jedoch fast gleich schlecht wie in der JA Wien-Josefstadt. Die ärztliche Versorgung extrem gut. Schwester Inge gehört ein Vorhang!
Zahnarzt Dr. Augustin tritt seinen Dienst im Sommer in kurzen Hosen und im Hawaii-Hemd an. Er neigt dazu, Patienten auf seine Ordination gleich neben der Anstalt hinzuweisen. Sein Schmäh ist herb, seine Behandlung kurz, aber effektiv. Schmerzfrei. Viele gehen in Simmering wegen seiner ausgesucht zierlichen philippinischen Assistentinnen zum Zahnarzt.
Die Beamten in Simmering sind nett, freundlich, verhalten sich auch Ausländern gegenüber normal. Diffenrenzierter: Das vermutlich am besten ausgebildete Wiener Wachpersonal arbeitet in Simmering. Eine junge Generation von Beamten reagiert konstruktiv auf Kritikpunkte. Das Simmeringer Wachpersonal gilt in der Qualität um eine Stufe besser ausgebildet als etwa in der JA Josefstadt, weil es durch die zahlreichen 15 Kilometer langen Ausfahrten ins Landesgericht Innen- und Außendienst leisten muss und somit nicht versumpft.
Service
Der Wocheneinkauf („Ausspeise“, „Shopping“) für alle rund 500 Einsitzenden ist teuer, aber gut. Der Kaufmann kommt aus Schwechat (NÖ) und bietet rund 400 Produkte an.
Ursprünglich war diese Anstalt für Strafgefangene mit kürzeren Reststrafen ausgelegt. Halboffen bis offen geführt. Inzwischen werden von diesen Strafgefangenen auch viele nach Stein (oder in andere Häuser) verlegt.
Lehrausbildung versucht man in verschiedenen Berufen: Tischlerei, Schlosserei, Spenglerei, Malerei, Maurer, Bäcker (Zuckerbäcker). A- und B- Küche mit kleinem Kellner-Kurs. Sonst gibt es die üblichen Innen-Betriebe: Wäscherei, Haus-Installateur, Hausarbeiter, zwei große U-Betriebe, die für Masterfoods, Nestle und Cretacolor im Verpackungsbereich zuarbeiten.
Freizeitgestaltung (zwei Stunden pro Tag im Neubau): Billard, TT, Darts, Kraftkammer (auf jedem der fünf Stöcke) und Wuzzler. Im Altbau (Strafhaft) mehr Freizeit, im Sommer bis zu drei Mal in der Woche Fußball am Hartplatz ohne Beamtenbewachung.
Fernseher gibt es im Neubau nur einen pro Haftraum. Im Altbau einen Fernseher pro Person.
PCs gibt es im Ankauf in Simmering derzeit nicht. Mitgebrachte PCs aus anderen JAs werden toleriert. Man geht davon aus, dass derzeit fünf Insassen (von 530) über einen Offline-PC verfügen. PCs werden erst nach Ablegung eines ECDL-Scheins (EU-Computerführerschein), der im Haus zu machen ist, genehmigt.

Der Speisesaal der JA Simmering für die beschäftigten Insassen im Verbindungstrakt zwischen Neubau und Altbau. Hier essen die Häftlinge zwischen 10 Uhr 30 und 11 Uhr wochentags zu Mittag. An der Wand hängt
eine Kopistenarbeit eines Werks des Nazi-Malers Albin Egger-Lienz, mit Titel: Das Mittagessen (1908/10).
(Foto: Archiv Blaulicht und Graulicht)
Im linken Trakt des Altbaus (Strafhaft) wurden die früheren Gruppenräume verkleinert und Wohngruppen eingerichtet. Die Fenster sind inzwischen vergittert, mit Schloß gesichert. Die Gruppen werden um 18 Uhr 30 gesperrt, sind innerhalb offen.
Im rechten Teil des Altbaus (Strafhaft) befinden sich die Freigängerwohnräume. Ausgänge bis zu 3 x pro Monat
(zu je 48 Stunden), ein Wochenende Anwesenheitspflicht auch für Freigänger („Putzwochenende“). In der „Freigängerabteilung“ ist alles komplett offen (Abschluß um 19 Uhr 30).
Hierarchien
Beim Anstaltsleiter Christian Timm (bis 2007 tätig, danach JA Stein, Anm. Red.) erreichte man zuletzt immer schwerer einen Rapport. Nach dessen Abgang ist die Anstaltsdirektion bis heute offiziell nicht nachbesetzt.
Es gibt einen Interimsdirektor aus den eigenen Reihen.
Viel Einfluß hat der ehemalige Freizeitreferent der JA Stein und heutige Traktkommandant des gesamten Neubaus (Straf- und U-Haft): Oberstltd. Kolm. Er unterhält sein Büro in Abteilung 11.
Inzuchtbetrieb
In der JA Simmering hat sich auch eine Art Inzucht breit gemacht. Gewisse Namen sind auf drei Büros aufgeteilt (Vize-Stockchef, Stockbeamtin, Ordnungsstrafreferent). Es sind (in gerader und ungerader Linie) Verwandte.
In der JA Simmering riß ein, dass Justizwachebeamte Sträflinge heiraten. Oder, dass zwischen den Anstalten quergeheiratet wird. So ist eine Beamtin der JA Simmering mit einem Wachebeamten der JA Josefstadt verheiratet. Eine andere heiratete einen schwer tätowierten, exjugoslwaischen Häftling, ist aber mittlerweile nach vier Jahren Ehe wieder geschieden. Eine andere versteckte einen geflohenen Häftling bei sich sieben Monate zu Hause – sie wurde fristlos gekündigt. Auch diese Ehe ging in die Brüche – und sie wurde in Wien ein Musicaltheaterstück. Viele weibliche und männliche Justizwachebeamte unterhalten untereinander ein „Panscherl“, wie man in Wien sagt.
Goldene und Nicht-Goldene
Die „Goldenen“ (Offiziere – goldene Sterne) und die „Nicht-Goldenen“ (untere Dienste – weiße Sterne) sind in der
JA Simmering nicht immer einer Meinung.
Bei den Nicht-Goldenen hat BzI Natowetz wohl am meisten Einfluss (ehedem Initiator des mittlerweile aufgelösten Vereins „KultoKnast“ in der JA Wien-Josefstadt). Ihm wird ein heißer Draht ins BM f. Justiz nachgesagt, was den „Goldenen“ nicht paßt. So gelang es ihm aber, die beste Anstaltsbibliothek in ganz Österreich mit vielen Sonderbudgets aufzubauen. Die JA Simmering hat im Verleih DVDs, X-Box-Spiele, Gitarren, Notenhefte, Sprachkurse und gut 13.000 Bücher, die über ein Linux-System verwaltet werden und alle barcodiert sind.
Größer ist nur noch die zentrale Leihbibliothek der JA Wien-Josefstadt (knapp: 16.000 Bücher).
Stern im Sinken
Aktuell ist Simmering gekennzeichnet, dass sich eine Drogensubkultur breit macht. Ein Kenner der Wiener „Giftszene“: „Derzeit sitzt der halbe Karlsplatz in Simmering.“ Gewisse Leute kennen sich („sind Habschis“) vom größten Drogenumschlagplatz Wiens seit Jahren und teilen einige Monate die Zellen. „Drinnen“ und „draußen“ – kein Unterschied. Jegliche sozialtherapeutische Wirkung des Strafvollzugs verpufft.
Diese für Österreich – teilweise – vorbildliche Anstalt, wurde durch die Hereinnahme von U-Häftlingen nicht nur für die Strafgefangenen verschlechtert. Man denke dabei nur an die vielen täglichen Ausführungen zum Gericht.
Ein maßgebender Beamter: „Wenn ich nur Auf- und Zusperren wollte, hätte ich meinen Dienst gleich in der
JA Wien-Josefstadt antreten können!“
JA Simmering U-Haft: Knapp zwei Sterne.
JA Simmering Strafhaft: Drei Sterne.
Adresse Simmering: JA Simmering – Kaiserebersdorferstraße 297 – 1100 Wien.
Sachbearbeiter, B&G-Korrespondent: Friedrich Olejak (Insasse JA Stein)
Ergänzungen, Aktualisierungen (Status: 31. Mai 2008): Leitung Redaktion B&G (Wien 9)
Marcus J. Oswald (Ressort: Hot or Flop, Justizanstalten)

hallo ich wolte wiesen vegen den erdohan alilovski op der bei oich ist ich warte eine antfort danke
Ich wollte mehr von ablösung von freigängern wissen bitte um antwort
Was wollen Sie da wissen? Es ist so: Wenn es Probleme oder Ordnungswidrigkeiten gibt, die der Freigänger ausgelöst hat, wird er „abgelöst“. Wollen Sie eine rechtliche Auskunft? Im Strafvollzugsgesetz (§§ 108, 109 StVG) ist das konkret geregelt. Die Auslegung obliegt dem Anstaltsleiter. Meist wird § 109 Abs 2 angewandt – Entzug von Vergünstigungen, manchmal aber auch § 109 Abs 5 – Hausarrest („Keller“).
Grundsätzlich ist es in österreichischen Häusern üblich, dass nach eine „Ablöse“ vom Freigängerstatus nach drei Monaten der Status wieder hergestellt wird (nach Zahlung einer Geldstrafe – „Hausstrafe“, „Keller“) und der Entlassungsvollzug (EVZ) wieder mit allen „Lockerungen“ von vorne beginnt.
Schreiben Sie genauer, was Ihr Problem war?