Regenbogenparade 2008 – Erotik und Politik – Die Inhalte

Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger und SPÖ-Staatssekretär Peter Schieder - Regenbogenparade 2008 - Heldenplatz - Foto: Marcus J. Oswald - 12-07-08
Nach der “Celebration” (Umzug) gab es den politischen Teil am Heldenplatz, zu dem bei Weitem weniger Personen erschienen als beim Spaßumzug. Auf der Bühne am Heldenplatz fanden die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), die ein rosa T-Shirt mit der Aufschrift “www.berufsschwuchtel.org” trug, und SPÖ-Staatssekretär Peter Schieder allgemein gehaltene Wortspenden. Die Stadt Wien fördert die Parade mit Subventionsmitteln. Das politische Kernthema “Lebenspartnerschaften” (volkstümlich: “Homo-Ehe”) wurde nicht angesprochen.
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(Wien, am 12. Juli 2008) Die “Regenbogenparade” 2008 hatte sicher 100.000 Besucher, die Veranstalter kolportieren 130.000, die den Straßenrand säumten. Damit ist die Demonstration (eine solche ist sie immer noch) aus der veranstaltungstechnischen Sicht gesehen ein großer Erfolg.
Aus anderer Sicht betrachtet, ist sie ebenso ein Erfolg. Trotz der großen Menschenmengen war die Polizei vollkommen unsichtbar und in ganz kleinen Mengen vorhanden. Vor dem Parlament stand ein einziger Bus mit drei Polizisten. Beim Museum für Naturgeschichte ein weiterer Bus mit drei Polizisten. Aus der Optik des Flaneurs waren vielleicht 50 Polizisten im Dienst.
Kaum Polizeipräsenz trotz Großveranstaltung
Vergleicht man das mit dem legendären 20. Juni 2008, an dem nach dem EM-Fußballspiel Türkei gegen Kroatien in der Ottakringerstraße Flaschen in hohem Bogen in die Menge flogen (und ein Splitter um ein Haar den Herausgeber im Auge getroffen hätte) und 1.000 (!) Polizisten ein paar tausend nationalistischen “Fussball-Fans” rechtsstaatliche Manieren beibringen mussten, erkennt man den positiven verhaltensspezifischen Kulturunterschied zwischen dem einen und dem anderen.
Die Veranstaltung lief also friedlich und vergnügt. Freilich sieht man auch in Wien die Entwicklung wie in internationalen Städten, in denen der “Christopher Street Day” (CSD) begangen wird (alleine in Deutschland, Österreich und Schweiz in 37 Städten an unterschiedlichen Daten zwischen 31. Mai und 13. September 2008; dazu Umzüge in 47 weiteren Weltstädten zwischen 25. Mai und 9. November 2008), dass die Konzeption nicht immer klar ist, warum man in Wien diese Großdemonstration macht. “Raus aus dem Winkel” – hieß diesmal das Motto.
Viele Zaungäste kommen nach wie vor zum “Zuschauen”, ergötzen sich am Schaubild: Knabenhafte Jung-Tunten, grelle Drag-Queens, sonnenbankgestählte Muskelmänner und hautblasse Lesben. Das Schaubild hat mit einer politischen Botschaft nichts zu tun. Dennoch finden genau diese Fotos immer wieder Eingang in die Medien.
www.ORF.at-”Slideshow” zeigte von 12 Bildern 8 Nudisten
Besieht man sich die “Diashow” der größten Webseite, des “ORF”, findet man sich in einer Nudistenschau. “Es gab auch heuer wieder viel nackte Haut zu bewundern”, heißt es im Text – und dann zeigt man sie auch: Von 12 Fotos zeigen fünf (!) blanken Busen, drei halbnackte Männer, ein Bild zeigt Sadomaso-Lederfrauen, zwei Bilder kreative Haarpracht und Schminke und ein Bild ist neutral. Fazit: Neun von 12 Fotos sind sexuell besetzt.
Kein einziges Foto auf der Slideshow zeigt ein politische Transparent. Das überrascht, ist die “Parade” doch eine “Demonstration”. Bei jeder noch so kleinen Kurden-Demonstration werden alle Transparente abgefilmt und gezeigt. Bei der 13. Regenbogenparade wählte www.orf.at die Bildunterlagen nach dem Motto “tits and ass” aus. Es zeigt, dass kaum Verständnis in Leitmedien über den Hintersinn der Veranstaltung herrscht. www.orf.at platzierte die Demonstration unter der Rubrik” Veranstaltungen”. Jede PKK-Kurdendemonstration versprengter 150 Aktivisten wird im Ressort “Politik” oder zumindest in “Chronik” veröffentlicht.
Dabei gab es die Plakate. Den Beginn machten ein Verein und eine Medienwebseite.

Der Plakatwettbewerb via diestandard - Siegermotiv 2008 - Moderator(in) Miss Candy und Herr Brunner
Die Webseite “diestandard.at” veranstaltete im Vorfeld ein Internetvotum zum Kreativ-Wettbewerb “Homophobie und Fußball”. Der einstige Gründervater (1996) der Wiener “Regenbogenparade”, Andreas Brunner, hält das Siegerplakat in die Menge.
(Foto: Marcus J. Oswald für diegalerie am 12. Juli 2008)
Es stammt vom Schweizer Grégoire Murith, heißt frei übersetzt “Durch dick und dünn” und hat eine einfache Symbolik. Der Ideenwettbewerb wurde vom sozialhistorischen Verein “QWien” initiiert, da man in der Fußball-EM Tendenzen der Diskriminierung der Homosexuellen sah.
Auch sonst gab es bei der Straßendemonstration Plakate.

LGBT Amnesty International
So war eine kleine Delegation von Amnesty International als “Fußgruppe” bei der Parade dabei. Amnesty International begann sich seit 1991 auf für die LGBTs (die Lesbischen, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen) zu interessieren. Seit 2003 gibt es in Wien eine kleine Aktionsgruppe. Diese brauchte keine Schminke und prallen Titten, denn bei dieser Gruppe geht es um Politik.

Amnesty International Unit LGBT - Regenbogenparade 2008 - Foto: Marcus J. Oswald 12-07-08
Kleine “Fußgruppe” von Amnesty International, Unit LGBT. (Foto: Marcus J. Oswald)

Rosa Lila Villa - Regenbogenparade 2008 - Foto: Marcus J. Oswald 12-07-08
Die Aktivisten der alteingesessenen Wiener “Rosa Lila Villa” spielten gezielt mit Vorurteilen, in dem sie diese provokant auf die Straße brachten. “Homosexuelle essen Euren Nachwuchs auf” – hieß es auf einfachen Schautafeln. Das Outfit eines Demonstranten glich dem eines Kannibalen – oder wie man sich einen Kannibalen vorstellt. (Foto: Marcus J. Oswald für diegalerie)
Die “Lila Villa” entstand 1982, wurde schrittweise erweitert und ist heute ein Beratungszentrum Rosa Lila Villa, das durchaus zu provozieren vermag. Man sieht sich in der politischen Homosexuellen-Szene als Platzhirsch und Pionier, da man an der Wienzeile auch nicht zurückscheut, das Haus offensiv nach Außen sichtbar zu gestalten (Plakataktionen, Dekorationen zu Anlässen).
Zahlreiche Lifestyle-Gruppen
Neben Polit-Gruppen nahmen die so genannten Lifestyle-”Communities” am Umzug Teil. Hier ist in solche zu unterscheiden, die aus dem Internet heraus entstanden und solchen, die als Verein oder Club bestehen und durch das Internet bekannter wurden.
Die Vernetzten
Erotikforum.at besteht nur im virtuellen Raum und schuf eine Plattform, unter der man nun nach Außen auftritt. Es ist das größte Sexforum in Österreich, aber nicht konkurrenzlos. Früher gab es die Pionierseite des Peter Brucha mit dem “www.6forum.at”, der jedoch auf eine Finca nach Spanien ausgezogen ist. Engagiert arbeiten das Wiener Sexworker.at-Forum und die Grazer Web-Community, die das Sexualleben eher unterhaltsam thematisiert, Traummännlein.com-Forum (gleich: “Hasenforum”).
Die einzige Web-Community, die ohne Scheu auf der Wiener Ringstraße trat, war jedoch das “Erotikforum”. Obwohl es zu 95 Prozent Männer nutzen, ließ man es marketingwirksam von drei Frauen nach Außen vertreten.

Erotikforum auf Regenbogenparade 2008 - Foto: Marcus J. Oswald
“Fahrradgruppe” des Erotikforum auf der Regenbogenparade 2008. (Foto: Marcus J. Oswald)
Im Keuschheitsgürtel
Der Verein “Schlagartig” lotet seit 2001 die schwarzen Seiten der Sexualität, Tabus und Grenzen, aus. Die Themen:
Keuschheitsgürtel, Kopfkick, Machtübergabe, SM und Art. Im Punkt “Öffentlichkeitsarbeit” der Statuten heißt es: “Wir sehen es als zentralen Punkt unserer Arbeit an, das verzerrte Bild von Sadomasochismus und SadomasochistInnen, das viele Medien der Öffentlichkeit präsentieren, zurechtzurücken. Mit unserem Engagement hoffen wir, die öffentliche Meinung positiv im Sinne von mehr Toleranz und Akzeptanz von Sadomasochismus als einer frei gewählten erotischen Spielart zu beeinflussen.”

Der Verein Schlagartig! aus Wien
Dazu nutzt man das erste Wiener SM-Café in der Köstlergasse (6. Bezirk), veranstaltet Seminare und hält Kontakt zu “Kink Aware Professionals”. KAPs sind (im englischsprachigen Raum) Vertreter von Berufsgruppen wie Ärzte, Therapeuten, Rechtsanwälten, “bei denen man sicher sein kann, daß sie Klienten mit sadomasochistischen Vorlieben zumindest neutral bis verständnisvoll gegenüberstehen”, so www.schlagartig.at. KAPs sind nicht
notwendigerweise selber Sadomasochisten, das Thema SM ist jedoch “kein unbekanntes mehr für sie.”
Gleichgesinnte können im Verein für 35 EUR Jahresmitglied werden. “Zusätzlich bieten wir den Kauf von Schlagartig!-Startziegeln zum Preis von je 40 EUR an”, heißt es.

Verein Schlagartig - Regenbogenparade 2008 - Foto: Marcus J. Oswald
“Motorradgruppe” des Vereins Schlagartig! auf der Regenbogenparade. (Foto: Marcus J. Oswald)
Let’s swing!
Am Lautesten waren die Vertreter des Clubs “Le Swing”. Man verstand es, mit House-Musik die Menschen in Scharen anzulocken und zu elektrisieren. Bei “Le Swing” handelt es sich um ein weit verzweigtes Gastro-Unternehmen. Es besteht aus zwei “Kino-Labyrinthen” im 10. und 20. Bezirk, aus einem “Club Underground” und dem Swingerclub “Le Swing”.
Dazu gibt es eine einschlägige Web-Community, auf der sich – laut Betreiber-Angaben – über 10.000 “Profile” von “Solo-Männern”, “Solo-Frauen”, vor allem aber Mischformen wie Pärchen, Transvestiten, Homosexuellen und Lesben mit sehr eindeutigen Beschreibungen registriert haben. Der Web-Auftritt brummt, glaubt man der Statistik: “Letzte 48 Stunden: 896 neu hochgespielte Bilder, 15 neue Videos, 15.352 versandte Mails, 87.579 Kurznachrichten, 165 neue User. Derzeit sind über 135 User online.” (Status der Wahrnehmung: 2 Uhr 29 morgens)

Swingerclub Le Swing - Regenbogenparade 2008 - Foto: Marcus J. Oswald 12-07-08
“Le Swing” setzte Maßstäbe und trat als “LKW-Gruppe” an. Der Wagen war fünf Stunden lang Stimmungskanone. Lebensnahes Motto: “Die Community, die gleich zur Sache kommt.”
(Foto: Marcus J. Oswald für diegalerie am 12. Juli 2008)

Volleyball auf der Regenbogenparade 2008 - Heldenplatz - Foto: Marcus J. Oswald 12-07-08
Es war ein heißer Tag. Manche zogen das entspannende Volleyball dem Trubel vor.
(Foto: Marcus J. Oswald am Wiener Heldenplatz für diegalerie am 12. Juli 2008)

Christian Högl - Obmann Hosi - Veranstalter der Wiener Regenbogenparade 2008 - Foto: Marcus J. Oswald 12-07-08
Christian Högl, vom Verein Hosi, resümierte als Veranstalter positiv.
(Foto: Marcus J. Oswald für diegalerie am 12. Juli 2008)
Christian Högl hat eine erfolgreiche Veranstaltung hingelegt. 35 Wägen von 14 Uhr bis 19 Uhr reibungslos rund um die Ringstraße gebracht, so viele wie noch nie. Zum Schluß bat er noch einen internationalen Gast auf die Bühne.
Philipp Braun ist Generalsekretär der weltweit agierenden Organisation ILGA, die ihren Sitz in Brüssel hat. Laut Wikipedia ist die ILGA die weltweit einzige NGO, die sich ausschließlich mit Antidiskriminierung im sexuellen Bereich beschäftigt. Die Organisation beobachtet Antidiskriminierungsgesetze weltweit. Die NGO wird maßgeblich durch die Sigrid Rausing-Stiftung (rund um die Tetra Pak-Erbin) finanziell unterstützt.
Kein Budapest: Friedliches Miteinander in Wien
Braun lobte in seiner Ansprache, dass in Wien keine Budapester Zustände herrschen, wo rechtsradikale Gruppen bei der CSD-Parade die friedlichen Demonstranten aufmischten.
Ferner kündigte Braun an, dass der nächste ILGA-Weltkongress im November 2008 in Wien stattfinden wird. Braun berichtete, dass “vor zehn Tagen” eine neue Antidiskriminierungsrichtlinie der EU herauskam, der sich die Homosexuellenbewegungen mit Nachdruck anschließen sollten. Beim “Weltkongress” im November 2008 werden die zahlreichen Organisationen auf die neue Gesetzeslage eingeschwört. Braun bat dafür von Högl um einen “freundlichen Empfang in Wien”.
Unruhen in New York 1967 als Beginn
Zuletzt ein Blick in die Geschichte: Der “Christopher Street Day” entstand aus einer besonderen Begebenheit. Rund um den 27. Juni 1967 gab es in der “Stonewall Bar” in der Christopher Street in New York immer wieder Razzien der Polizei, die als diskriminierende Schikane aufgefasst wurden. Dabei kam es zu harten Übergriffen gegen die Bargäste. Im Zuge dessen, so ist es überliefert, begannen sich am 27. Juni 1967 die Bargäste geschlossen zu wehren und sie verjagten mit körperlicher Gewalt die Polizisten. Die NYDP-Beamten kamen mit Verstärkung zurück und es kam zu einer mehrtägigen Straßenschlacht.
Das Wort “Pride” leitet sich von “Stolz” ab. Der “Christopher Street Day” war geboren. Seit damals erinnern in Städten und Hochburgen homosexuellen Alltags politische Aktivisten an die “Stonewall Riots”.
Seit 1978 existiert die Regenbogenfahne
Es dauerte noch ein Jahrzehnt, bis 1978 von einem gewissen Gilbert Baker die “Regenbogenfahne” als gemeinsames Symbol entworfen wurde. Diese Fahne ist heute so bekannt wie Coca Cola.
Die jährlichen Demonstrationen heißen in den USA “Pride”, in Frankreich “La Pride”, in Deutschland “CSD” und in Österreich “Regenbogenparade”.
Marcus J. Oswald (Ressort: Demos)
