Erste Bücher zu Josef Fritzl kommen (aus dem Ausland)

Dominanter Medienmarkt England und USA
(Wien, im August 2008) Der Jahrhundertfall Josef Fritzl, der europaweit größte Inzestfall in einer Kellerhöhle im niederösterreichischen Nest Amstetten, inspiriert die Autoren.
Bislang sind nach Informationen der Zeitung „Österreich“ vier Bücher im Köcher. Es werden noch mehr werden, wenn der Fall mehr „Fleisch“ hat und die Gerichtsverfahren in Gang kommen. Auf der Liste:
- Nigel Cawthore mit dem Titel „House of Horrors“. Autor aus Großbritannien. In acht Tagen in den Läden.
- Allan Hall, Engländer in Berlin. Sein Titel: „Monster – An Austria Nightmare“. Er schrieb auch ein Buch über Natascha Kampusch, das aber eher kein Erfolg wurde. „Monster“ soll im November erscheinen.
- Bojan Pancevski, Jungautor, fallweise „Times“, will die „Fritzl-Story“ an Hand eines Long-Play-Interviews (das noch zu führen ist) erzählen. Eher noch im Projektstadium. Wird dafür noch eine Weile warten müssen, zumindest bis zur Rechtskraft des Urteils.
- Ein Ami, der den Namen John Glatt trägt, aber noch nie in Österreich war, will mit einem Buch mitnaschen, weiß aber noch nicht, wie es heißt. Hauptsache er verwechselt Österreich nicht mit Down-Under (Australien).
GB und US
Auffällig ist: Es sind alles britische oder angloamerikanische Autoren. Deutsche sind nicht dabei, österreichische auch nicht. Das wird aber noch kommen. Das Problem wird von vielen Medienkollegen gleich bewertet: Es ist leicht, eine populäre „Faction“ zu schreiben, eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Das Spekulative hat Saugkraft beim Schnellleser. Aber kein Gewicht.
Es ist wie mit Sylvester: Die schönsten Raketen fliegen nicht um 23 Uhr 55, sondern um 0 Uhr 15. Man muss mit einem Fritzl-Titel länger warten als auf die ersten Bestseller-Kracher.
Warholsche Ikonografie
Zumal: Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Fritzls sind in Quarantäne und das ganze Drumherum an Fakten, Kultur und politische Geschichte ist bei Weitem noch nicht erhoben. Wenn beim Herausgeber dieser Seite immer wieder Leute anfragen, wo man ein neueres Foto bekommen kann, zeigt das, dass alle „anstehen“. Dass internationale Bücher erscheinen, die noch immer die Warholsche Ikonografie des Polizeifotos von Fritzl mit der arrogant-hochgezogenen Augenbraue zeigen, in das Indiz, dass noch viel zu tun ist.
Cold Blood
Was die Faction-Autoren beherrschen, ist das Reißbrett. Man kann die Fritzl-Story glatt und linear entlang der Zeitachse erzählen, samt platten NSDAP-Spekulationen (wie in „House of Horrors“). Dass Linz die „Stadt des Führers“ war, macht nicht alle Linzer der 40er Jahre zu Nazis. Dass solche Spekulationen aus England kommen, verwundert nicht. Es ginge auch anders. Dokumentarisch und psychosozial in feiner Sprache. Truman Capote zeigte es in „Kaltblütig“. Sein Buch gilt noch immer als ungekröntes Meisterwerk psychologischer Aufarbeitung einer Kriminalepisode. Ein Stück Zeitgeschichte aus den USA. Die ein guter Autor aus Österreich symbolhaft neu schreiben könnte.
Vorhut
Es wird auch kommen. Wenn das Schrille abklingt, bleibt immer das psychologisch Präzise. Daher sind die vier ausländischen Autoren, die noch nie einen österreichischen Gerichtssaal betraten, nur die Vorh(a)ut, die nicht zum Wesentlichen vorstößt. Journalistische Schnellspritzer, die einen Fall abhaken, ehe er noch bei Gericht war. Nebenbei: Vier männliche Autoren. Es kommt sicher noch Besseres nach. Routinierte Kräfte, die Fantasie und Können vereinen und nicht Fantasie über Können stellen.
Wettbewerb unter Freunden
Am 19. April 2008 wurde ein neues Kapitel in der psychologischen Bewertung eines Kriminalfalls aufgeschlagen. Man kann sicher sein, dass zumindest zehn österreichische Berufsschreiber an einem mittellangen Buch zu Josef Fritzl arbeiten. Der olympische Autorenwettbewerb unter Freunden wird allen gut tun. Möge der Beste gewinnen.
Stilikone des Versagens
Der Herausgeber dieser Seite hat gestern einem Verleger in Graz ein Buchkonzept zu Josef Fritzl vorgeschlagen, das sicher auch Berechtigung hat. Weil Fritzl am Ende der Kriminelle Europas werden wird, der am seltensten fotografiert, aber am öftesten beschrieben ist. Eine Art Lee Harvey Oswald Österreichs, ein bleibendes Trauma im Land. Eine Stilikone des kollektiven Versagens.
Marcus J. Oswald (Ressort: Buch)

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