Blaulicht und Graulicht – Das Online Magazin

Bausätze des Lebens – Entlassungsrede des Alexander

Veröffentlicht in Bedingte Entlassung, Justizanstalten von marcusjoswald am 8. Oktober 2008
Cicero

Cicero

(Wien, im Oktober 2008) Manchmal zählt guter Wille und guter Eindruck. Für einen Häftling ist ein Bausatz des Lebens seine Rede vor dem Vollzugsgericht. Mit Unterstützung der Webseite „Blaulicht und Graulicht“ kam eine Entlassungsrede zustande, die einem Häftling eine vorzeitige Entlassung brachte. Der Mann kann nun trotz
11 Vorstrafen ein knappes Jahr vor der Zeit heim gehen. Zu Hause ist Wien. Lesen Sie selbst die „Cicero-Rede“
des Alexander, die den Richter erweichte!

+++

Rede vor dem (Entlassungs)Senat

Hohes Gericht! Ich darf offen sprechen …

1. Abschnitt (Thema: Tiefe Selbsteinsicht, Rührung der Anwesenden)

1. Zunächst einmal möcht ich betonen, dass ich von meinem bisherigen Leben endgültig genug hab! Wenn ich mich hier umseh, schäm ich mich zu Tode und frag mich oft, wie es dazu kommen konnte, dass ich hier gelandet bin …
Ja, ich bin ein Scheidungskind und ja, ich war jahrelang Geißel meiner Drogensucht … aber trotzdem … im Vergleich zu den allermeisten hier hatte ich die besten Voraussetzungen … aus mir hätte alles werden können … und was wurde aus mir? … ein Krimineller, ein Asozialer, der Nichts als Schande über seine Familie gebracht hat … was ich bisher mit meinem Leben angefangen habe, ist, gelinde gesagt, ein Jammer…ich schäme mich so sehr dafür, dass ich in der Vergangenheit immer nach Ausreden gesucht hab, nach Rechtfertigungen, nach Lügen … aber es gibt keine Ausreden … ich hab versagt, wo 8 Millionen andere Österreicher nicht versagen … ich hab als Sohn versagt, als Partner, als Vater und als Mitglied unserer Gemeinde … Mir das einzugestehen war der Knackpunkt … leicht war
das nicht, denn wer sieht sich schon gern als Versager … um das anerkennen zu können, bedurfte es einer gewissen Objektivität und eines gewissen Abstandes … dabei haben mir auch die Gespräche mit meiner Sozialarbeiterin geholfen … aber letzten Endes und nachhaltig kann man sich – meiner Meinung nach – nur selbst helfen … man muss sich von einem Problem emanzipieren, sei es jetzt eine Sucht oder auch nur ein falscher Standpunkt oder was auch immer … erst dann kann man das Problem ein für alle Mal hinter sich lassen … mit meiner Drogensucht ist mir das gelungen – und zwar von einem Tag auf den anderen … weil ich es wollte, wirklich wollte (damals, als meine Frau mit unserer Tochter schwanger wurde) … Und jetzt will ich mein Leben radikal ändern … Ich hab ein für alle Mal genug von meiner Suche nach dem großen Glück, dem großen Geld. Ich vermisse meine Kinder so sehr, das sind direkt physische Schmerzen … und ich hasse mich für das, was ich aus meinem bisherigen Leben, mit meinen Möglichkeiten und Talenten gemacht habe … meine Kinder brauchen mich und ich hab sie im Stich gelassen …
ich hoffe, dass es noch nicht zu spät ist und dass ich ihnen noch ein guter Vater sein kann, werden kann … mein zukünftiges Leben wird zunächst einmal dem Wohle meiner Kinder dienen! Und nachdem ich beschlossen habe, in Zukunft nicht mehr straffällig zu werden, werd ich sie auch nicht mehr so enttäuschen und nie mehr allein lassen! Und auch meine Eltern, meinen Vater möchte ich noch ein bisschen stolz machen auf mich … so wie es früher, in meiner Jugend, war, wenn ich bei einem sportlichen Wettbewerb oder ähnlichem gewonnen hab … Mittlerweile hat er natürlich – oder, mit Thomas Bernhard, naturgemäß – den Glauben an mich verloren … nur unsere Liebe hält unsere Beziehung aufrecht … Das ist mir auch ein Anliegen: mein Vater soll endlich wieder ein bisschen stolz sein können auf mich, seinen ältesten Sohn! … Es liegt bei ihnen, zu entscheiden, wann ich damit beginnen kann, zu versuchen, doch noch ein guter Vater, ein guter Sohn und ein ordentliches Mitglied unserer Gemeinde zu werden! Das Rüstzeug dazu hab ich noch … hatte ich seit meiner Geburt …

2. Abschnitt (Thema: Wunsch nach Reinigung, Suche nach Alternativen)

2. Ich bin aber auch Realist genug, um jeder Art von begleitender Kontrolle nicht nur unumwunden zuzustimmen, sondern ich werd sie sicherheitshalber darüberhinaus auch selbst suchen … ich hab mir bereits selbst einen Therapieplatz für eine drei Jahre dauernde Psychotherapie nach meiner Entlassung gesucht (Forensisch Therapeutisches Zentrum Wien, Dr. Fritz Lackinger). Mein Auswahlkriterium war, dass die zum Einen die Nummer Eins sind bei der Nachbetreuung von Haftentlassenen und zum Anderen, dass sie den Ruf haben, die Strengsten auf ihrem Gebiet zu sein! Drogen nehm ich eh schon seit 11 Jahren keine mehr, Vorsätze hab ich die Besten, und mit der Hilfe eines Bewährungshelfers und einer parallel dazu laufenden Psychotherapie werd ich doch schaffen, was acht Millionen Österreicher ganz ohne fremde Hilfe schaffen … nämlich ein straffreies Leben zu führen. Ich glaube ja, dass man es nur zu wollen braucht, wirklich zu wollen … dann ist es ganz leicht. Ich weiß noch, wie mein Anwalt den Kopf schüttelte, als ich ihm sagte, wie kann ich vier Jahre Gefängnis wegen Betrugs bekommen, wo ich doch
gar niemanden betrügen wollte … er meinte, als Vorbestrafter darf man eben noch nicht einmal bei Rot über die Kreuzung gehen … da bei einem Vorbestraften wesentlich genauere, strengere Kriterien angelegt werden … darum hab ich meine wirtschaftlichen Interessen auch hintangestellt … es wird keine Stunts mehr geben, ich werde nicht mehr Unternehmer sein, bin stattdessen froh, von einem ehemaligen Studienkollegen die Chance zu bekommen, nach meiner Entlassung in seiner Firma anzufangen, ich werde anfangs wohl nicht viel verdienen, aber ich werde
nie wieder wie ein Tier im Käfig sitzen müssen, und ich werde jeden Abend bei meiner Familie sein, meine Kinder erziehen, sie belehren und ihnen so ein paar Bausteine für ein erfolgreiches Leben mit auf den Weg geben … ich will zuallererst für meine Familie da sein, für meine Kinder … ich möchte allen beweisen, dass ich es doch kann, nämlich ganz normal leben, bescheiden, gesetzeskonform … zu allen vermeintlichen Freunden und Bekannten aus der Halbwelt hab ich längst jeden Kontakt abgebrochen … ich weiß, will ich Erfolg haben, muss es eine Zäsur geben,
eine Lebenswende … und in meinem Kopf hat die bereits stattgefunden, jetzt gilt es nur noch zu beweisen, dass
mein Zukunftskonzept auch der Realität standhält!

3. Abschnitt (Thema: Konkrete Ziele, Abbau der Altlasten)

3. Ich habe Schulden in der Höhe von etwa 70.000 Euro, die vor allem von der Liquidation meiner Firma herrühren, aber ich hab zum Einen ein gutes Einvernehmen mit meiner Bank, wir haben schon während meiner U–Haft alle meine Schulden zusammengezogen und zur Zeit kommen die mir soweit entgegen, dass ich monatlich 50 Euro zahle, um meine Zahlungsbereitschaft zu demonstrieren … nach meiner Entlassung wird das freilich anders ausschauen – ich werd schauen, was ich verdiene, was mir davon am Monatsende übrig bleibt und wenn denen das nicht reicht, werde ich einen Hypothekarkredit nehmen oder sonst eine Lösung gemeinsam mit meiner Familie finden.

4. Abschnitt (Thema: Zukunftsausblick, Motivation der Anwesenden)

4. Wie meine Zukunft aussehen wird, weiß ich jetzt natürlich noch nicht, aber ich weiß auf jeden Fall, wie sie nicht aussehen wird … weil ich sie entsprechend gestalten werde … bei einer roten Ampel stehn zu bleiben, das liegt in meiner Macht … ich werde nie mehr vor einem Richter stehen, oder wenigstens nicht als Angeklagter … nur die Entscheidung, wann ich damit beginnen darf, dieses für mich neue Leben zu führen, liegt bei Ihnen … wenn ich
Sie jetzt um meine bedingte Entlassung bitte, dann bitte ich Sie in erster Linie für meine Kinder, die ihren Vater brauchen … denn sonst interessiert es in Wirklichkeit eh niemanden, ob der Alexander jetzt oder erst in einem
Jahr entlassen wird … es wär ein schönes Gefühl für mich, wenn Sie mir diesen Vertrauensvorschuss gäben …
helfen Sie mir, diejenigen Lügen zu strafen, die heute sagen, der wird sich nie ändern … ich würd gern wieder Verantwortung übernehmen, einen Sinn in meinem Leben haben … schließlich hab ich einiges gutzumachen
… und damit würd ich am liebsten Morgen beginnen.

+++

Hier endet der Vortrag. Er wurde am 7. Oktober 2008 vor dem Vollzugsgericht Steyr tatsächlich so gehalten. Alexander stammt aus Wien, ist 41 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Am 26. September 2008 gewann der
117-Kilo-Athlet in der JA Garsten haushoch überlegen einen Kraftdreikampf mit 636 Kilo (!) Gesamtleistung. (Bankdrücken: 172 KG, Kniebeuge: 222 KG, Kreuzheben: 242 KG.) Der „stärkste Mann der JA Garsten“ ist noch einige seiner 50 Monate in Haft. Im März ist Schluss. Denn wer so viele Vorsätze hat, kann getrost entlassen werden.

Wir haben es also geschafft. Alexander bedankt sich bei dieser Webseite für die Unterstützung.
Wir bedanken uns bei ihm – für den Gedankenaustausch.

Marcus J. Oswald (Ressort: Bedingte Entlassung)