Natascha Kampusch – Was wird noch vermisst?

Am Bild gesucht, kurz darauf tot. Ob Wolfgang Priklopil der einzige war, der von der Entführung
Bescheid wußte, ist heute die Frage. Im Bild auch: Herwig Haidinger und Major Lang vom Bundeskriminalamt. (Foto: Marcus J. Oswald, 23. August 2006)
(Wien, im Oktober 2008) Vermisstenfälle haben ein natürliches Ende, wenn die vermisste Person auftaucht. Der Kidnapper wird verhört, verurteilt und das Thema ist erledigt.
Im Fall Natascha Kampusch verhält es sich so: Das Mädchen verschwand mit 10 Jahren, tauchte mit 18 Jahren
am 23. August 2006 wieder auf. Der Kidnapper oder Ziehvater Wolfgang Priklopil schmiss sich nach offiziellen Darstellungen am selben Abend bei Wien vor den Zug. Nach einigen Wochen Medienhype war die Sache bei den
Akten und diese verschwanden im Schrank. Von dort werden sie nun wieder hervor geholt.
Drama in drei Akten
Der Fall Kampusch ist ein dreiaktiges Drama. Die Klimax: Erster Akt – Vorstellung aller handelnden Personen. Kampusch, Sirny, Koch, Friedrich, Feurstein. Niemand kannte sie zuvor. Zweiter Akt – Entwicklung zur Normalität. Wohnungssuche, Beziehungsglück, Alltagsgetriebe. Dritter Akt – Böses Erwachen, Nebenprozesse in der Steiermark, merkwürdige Gestalten als Zeugen mit psychischen Auffälligkeiten. Große Zweifel kommen auf. Ende Oktober 2008, zwei Jahre nach Fallende, zehn Jahre nach Fallbeginn, erteilen zwei österreichische Ministerien den Auftrag zu Neuermittlungen.
Im ersten Akt war es Tabu, über Hintergründe zu sprechen. Anstand, professionelle „Opferschützer“ und die Freude über die Wiederkehr verbaten es. Die ersten neun Monate hatte das Entführungsopfer einen Medienmanager. Im zweiten Akt waren alle froh, dass Kampusch mit einer Fernsehsendung eine Tätigkeit gefunden hat, die ihr Spaß macht. Man soll diese Aufgabe nicht überbewerten, es wird Experiment bleiben.
Experten
Begleitend ließen einige nicht locker. Allen voran die Zeitung Heute (Wien), die dafür lange Zeit schwer kritisiert wurde. Mitte 2007 kam der pensionierte ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofs zum Akt und studierte ihn. Im Sommer 2007 kommentierte der gekündigte Direktor des Bundeskriminalamts Herwig Haidinger Inhalte zum Fall Kampusch in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Die Kombination schlagkräftiges Boulevardblatt (250.000 Auflage) und zwei namhafte Spitzenbeamte, deren Wort Gewicht hat, ergab, dass
der Akt nicht zur Ruhe kommt. Obwohl er eigentlich im Schrank liegt.
Buchschreiber
Singuläre Beiträge leisteten der pensionierte Richter Martin Wabl. Fürs Weihnachtsgeschäft stellte er am 12. Dezember 2007 sein Buch „Natascha Kampusch und mein Weg zur Wahrheit“ (12 Euro) vor. Er fordert seit 2006 eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens und wirft der Mutter Brigitta Sirny seit 1998 vor, Natascha als Mittäterin sexuell missbraucht zu haben. Diese wiederum ließ durch zwei sehr bekannte Ghostwriter schon im August 2007 ihr Buch mit dem Titel „Verzweifelte Jahre“ (19,90 Euro) schreiben, das sich nicht so gut verkauft hat (obwohl es auf seine Art blendend geschrieben ist).
Dritter Akt
Nachdem sich alle abgearbeitet haben, kommt der dritte Akt ins Rollen. Das Justizministerium gab bekannt, dass der Fall neu ermittelt werden muss. Die Zeitung „Heute“ verwendete am 24. Oktober 2008 zum ersten Mal die Formulierung, dass „so genannte Opferschutzeinrichtungen“ Kampusch in ihrer Aussage vor der Polizei den
Mund verbaten, wodurch sie nicht die Wahrheit sprechen konnte.
Nimmt man es genau, gibt es wenig neue Beweise. Die Ermittlungen werden nicht einfacher, je weiter die Zeit fortschreitet. Versprechen allein, den ehemaligen Geschäftsfreund von Wolfgang Priklopil stärker mit Verhören in die Mangel zu nehmen, hört man wohl, aber Österreich hat kein Guantanamo. Die Maßnahmen nach § 135 StPO Abs 1, 2 und 3 bestünden nun, auch § 136 StPO. Mit einem neuen Ermittlungsauftrag wären sie durch Staatsanwälte legitimiert. Ob man sie in der Praxis anwendet, hängt davon ab, wie stark der Wille ist, schon länger zurückliegende Wahrheiten herauszufinden. Will sich das Innenministerium schützen, weil es Ermittlungsfehler gab, braucht es eine starke Justiz, die durchhält. Das System der Gewaltenteilung besteht aus zwei handelnden Armen eines Körpers.
Mutmaßlichen Mitwisser durchsichtig machen
Die Technik der Observation besteht in der Kunst der Sozialstudie. Am Verhalten des Menschen, an Gesprächen unter Legende, läßt sich vieles herausfinden. Ist man überzeugt, dass Priklopils Geschäftspartner Mitwisser und Mitentführer ist, tut man gut daran, das gesamte Repertoire der V-Ermittlung schonungslos einzusetzen.
Man kann überzeugt sein, dass in einem Jahr der Fall ausermittelt ist. Weil sich jeder, der Dreck am Stecken hat,
durch Verhalten verrät. Dann muss man der stille Schatten mit dem Fernrohr und Horcherl sein.
Der dritte Akt im Kampusch-Drama hat nun begonnen. Er dürfte so spannend werden wie das, was bisher geschah.

General Karl Mahrer war 2006 Roland Horngachers Stellvertreter und ist nun Polizeichef von Wien.
Er tritt für sauber strukturierte Ermittlungen ein und kann das nun am Fall Kampusch beweisen.
(Foto: Marcus J. Oswald, am 23. August 2006 im Bundeskriminalamt)
Marcus J. Oswald (Ressort: Justizfälle, Polizeikultur)

Einen Kommentar schreiben