Lokalaugenschein Sozialmarkt Kalvarienberggasse

Der zweite Sozialmarkt in Wien Kalvarienberggasse. (Foto: Oswald)
(Wien, im November 2008) Was erhält man für 27 Euro und 10 Cent im Supermarkt? Nicht wirklich viel. Die „Teuerung“, Geschwür des Jahres, greift voll durch auf Organe des Menschen: Herz und Hirn. Werden Lebensmittel teuer, wird das Herz schwach. Wird Nahrung unerschwinglich, setzt das Hirn aus und Panikkäufe bringen um 50 Euro noch weniger in den Einkaufswagen.
Tagesausgaben steigen
Für 27 Euro 10 bekommt man heute nur mehr wenig. Ein Mittagsmenü im Stammlokal kostet 7 Euro, dazu ein Kaffee und die Rechnung mit Trinkgeld liegt bei 12 Euro. Später eine Tageszeitung (1 Euro 50) und eine Schachtel Zigaretten (3 Euro 50) in der Trafik dazu – man liegt bei 17 Euro Tagesausgaben für den alltäglichsten Gebrauch: Essen, Lesen, Rauchen. Der Wert liegt an der untersten Grenze der Bescheidenheit.
Der Anteil an Menschen, die täglich ein Restaurant besuchen, nimmt ab. Wirte sperren zu, weil viele es sich nicht leisten. Supermärkte steuern das Kaufverfahren mit kleinverpackten Mogelgrößen. Auch das „Feine“ stieg: 15 Dag Wurst kosten mittlerweile 3 Euro, drei Semmeln 93 Cent. Ein Wecken Brot knappe 3 Euro. Mit etwas Obst steuert man auf Tagesausgaben von 25-27 Euro zu.
Ist Krisenzeit?
Was man für 27 Euro 10 im Sozialmarkt bekommt, zeigte ein Testeinkauf am 26. November 2008. Es ist eine schlechte Zeit, dass man plötzlich im Jahr 2008 über Alltagskosten Aufzeichnungen führen muss. Zeitungen orakeln in Schagzeilen: „Größte Krise seit 30 Jahren“. Unrecht haben sie nicht.

Testeinkauf für 27 Euro 10 im Sozialmarkt SMW, Wien 17.
Im Sozialmarkt in der Kalvarienberggasse 15 stehen um 9 Uhr 20 die ersten Leute an. Es schneit und hat frischen Wind. Es stehen ausschließlich Frauen vor der Tür. Um 10 Uhr wird aufgesperrt. Eine etwa 50-Jährige wird mit dem Auto vorgefahren. Sie kommt aus der Brigittenau quer durch Wien in den 17. Bezirk. Sie klagt im Small Talk über die hohen Preise in den Supermärkten. Eine ganz alte Frau hört neugierig zu. Die 50-Jährige war schon im VINZI-Markt und kennt auch den neuen SOMA-Markt bei der Gumpendorferstraße, der zum Hilfswerk gehört.
Gesprächige Warteschlange
Je mehr Leute zusammen kommen, umso gesprächiger wird die Warteschlange. Jene, die hierher kommen, waren auch schon in den anderen Sozialmärkten. Manche schätzen Vinzi wegen der Angebotspalette mehr, andere SMW wegen der Preise. Der erste Sozialmarkt in der Braunspergergasse in Wien 10 hat seit dem Big Opening 10.000 eingetragene Mitglieder. Der zweite Sozialmarkt eröffnete vor sechs Tagen in Wien 17. Mittlerweile sind drei Typen in Wien „am Markt“. Das Sozialmarkt Wien-Original SMW mit zwei Restpostenmärkten (nach Linzer Modell), die SOMA-Kopie vom Hilfswerk und VINZI aus Graz. „Vinzi ist Kirche“, sagt eine Wartende.
Um 10 Uhr wollen schon 25 Personen einkaufen (ein Fünftel Männer). Die Tür geht auf, alle drängen ins Warme. Ein freundlicher Mann teilt die Leute wie Moses in zwei Hälften: „Diejenigen, die schon einmal da waren, können gleich durchgehen. Die anderen bitten wir ihre Ausweise vorzubereiten.“ Mehr als die Hälfte sind neu. Sie müssen erst die Unterlagen vom AMS vorlegen. Sie bekommen nach Aufnahme der Personaldaten den SMW-Pass.
Kaufen gegen den Frust
Der Sozialmarkt in der Kalvarienberggasse ist 200 Quadratmeter groß. Rechts ist der Eingang, links die Kassa, wie im normalen Supermarkt. Sozialmarkt ist linksdrehend. Zwei Gänge im kleinen Geschäft und man ist durch. Etwa hundert Waren liegen in einfachsten Regalen. Die Preise sind tatsächlich gut. Wenngleich man nicht alles sofort braucht. Der Kauf erfolgt im Sozialmarkt sicher „über den Preis“.
Beispiele gegen den Frust? Finessa Schokoladen (viele Sorten – pro Tafel) – 30 Cent bei maximaler Abgabe von
10 Tafeln. Darbo Fruchtikus (viele Sorten: Pfirsich, Melba, Kiwi, Apfel) um 20 Cent das Glas. Ein Wecken (Kilo) Vollkornbrot um 80 Cent macht einen Unterschied zu 3 Euro 30 in der Bäckerei. Twining Tee um 2 Euro und Teekanne Beuteltee um 1 Euro 50. Snacks wie Mars, Twix oder Balisto kosten im Tankstellenshop 1 Euro 09, bei SMW 25 Cent (maximale Abgabe 10 Stück). Inzersdorfer „functional food“ für Mikrowelle (Schweinsbraten mit Serviettenknödel; Seelachswürfel mit Reis) kostet im Supermarkt 2 Euro 69, bei SMW 1 Euro 50. Kotanyi-Gewürze (Pesto Tomate Basilikum) bei SMW 50 Cent. Knorr-Fertigsuppen aus der Reihe „Iss farbenfroh“ bei SMW generell 50 Cent. Jeder Einkäufer vom 26. November 2008 erhielt im SMW eine Kotanyi-Basis für „Chili con Carne“ (Inspektor Columbos Lieblingsessen) gratis dazu. Die Großpackungen schlagen alles: 1 Kilo Gouda, zu Scheiben geschnitten, kostet 3 Euro. Um diesen Preis bekommt man im Supermarkt gerade Mal 250 Gramm.
Kurze Wartezeiten
Der Markt hat von 10 Uhr bis 15 Uhr geöffnet. Insgesamt sind die Kunden zufrieden. Beratung gibt es keine. Das Personal besetzt die Kassen. Die Wartezeiten sind kurz. Das Lästern über den Vordermann ist wie im normalen Geschäft. „Die hat es nicht notwendig“, so ein Hintermann, „im Sozialmarkt einzukaufen“. Warum, sagt er nicht.
Es ist halt so eine Stimmung. Wenn die Lage der Gesellschaft mies, macht der Kunde auch an der Kassa des Sozialmarkts aus seinem Herzen keine Mördergrube.
+++
Adresse: SOZIALMARKT (smw) – Kalvarienberggasse 15, 1170 Wien (stark ermäßigte Preise!)
Erlaubtes Einkaufsvolumen pro Person und Woche: 40 Euro.
+++
Die vier Wiener Mitbewerber:
SOZIALMARKT smw (GF: Alexander Schiel) – Wien 10 und Wien 19 – Einlass bis 900 Euro Monatsverdienst.
SOMA Markt (Leitung: Hilfswerk Wien) – Wien 6 – Einlass bis 893 Euro Monatsverdienst
VINZI Markt (Leitung: Vinzigemeinschaft) – Wien 6 – Einlass bis 800 Euro Monatsverdienst
Die Zielgruppen: Mindestrentner, Studenten, Alleinerziehende, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger (analog: Hartz 4), Wehrdiener, Scheidungsopfer, Obdachlose. Potentielle Zielgruppe wird in Wien auf 400.000 Personen quantifiziert.
Aussicht: SOMA (Hilfswerk) will insgesamt acht Märkt eröffnen. Die Bezirksvorstehungen der 23 Wiener Bezirke unterstützen diese Projekte. Derzeit stehen in ganz Wien 725 ehemalige Geschäftslokale (Gassenlokale) leer – siehe www.freielokale.at. Am Lokalraum scheitert es nicht. Am Kundenstrom auch nicht.
Marcus J. Oswald (Ressort: Wirtschaft)

Einen Kommentar schreiben