Neuauflage – Wolfgang Priklopil war pädophil

Wolfgang Priklopil - Der Mann ohne Biografie. (Fotos: Oswald im BK)
(Wien, im Jänner 2009) Im Jahr 1998 verschwand die zehnjährige Wienerin Natascha Kampusch. 2006 tauchte sie wieder auf. Am selben Tag warf sich der Strasshofer Wolfgang Priklopil vor einen Zug und war tot. Danach war großes Schweigen. Die Opferschützer waren am Wort. Die Hintergründe zu acht Jahren Gefangenschaft kamen nie heraus. Ein schräges Gesetz unterband es. Ein Wiener Anwalt namens Gerald Ganzger, dem die öffentliche Diskussion, die bereinigende Kraft gehabt hätte, nicht Recht war, unterband es auch.
Dieser Tage erinnert sich – reichlich spät – eine andere Frau an etwas. Dass sie 1985, also 13 Jahre vor dem Kidnapping der Kampusch, von einem Mann angesprochen wurde. Eine Anzeige wurde erst im November 2008 gemacht. Die Frau ist heute 31 Jahre und war damals acht Jahre alt, also am Ende der von Max Friedrich stets so beschworenen „magisch-animistischen Phase“ des Kindesentwicklung.
Später Erinnerung
Es ist alles sehr merkwürdig, nun aber in Wien Mediengeraune. Ohnehin wollen es bei Priklopil immer schon alle gewußt haben. Die einzige, die es wissen müsste, ist Kampusch selbst. Sie macht aber einen Rückzug von Allem. Damit ist sie psychotherapeutisch auf der Verliererseite. Gerade 2006 wäre das große Reinemachen angebracht gewesen. Oder 2007. Es kam nichts.
Dafür geht nun eine 31-Jährige am kommenden Montag ins ORF-Fernsehen, um „auszusagen“ . Und zwar, dass sie 1985 von Wolfgang Priklopil „missbraucht und begrabscht“ wurde. Heikel ist das Ganze insoweit, weil sich der Täter nicht mehr wehren kann. Es wird auch keine Rechtsfolgen haben. Ein Prozess gegen den Toten ist nicht vorgesehen. Daher kann nun praktisch jeder kommen und alles behaupten.
Begrapschung 1985
Das Interview wird Christoph Feurstein (ORF) machen, der Mann mit dem Vorarlberger Dialekt. Er sprach schon mit Kampusch einige Male und sah das als Höhepunkt der Karriere. Obwohl kein direkter Zusammenhang zwischen dem Kriminalfall Kampusch 1998-2006 und dem angeblichen „Begrapschungsfall“ 1985 besteht, erwartet Feurstein, dass ein direkter Zusammenhang herzustellen sei. Irgendwie. Nach der alten Sprossenleitertheorie der Kriminalität: Es fängt klein an. B&G meint: Abwarten und Tee trinken und Schauen, was dran ist.

Das ungewöhnlichste Buch zu Natascha Kampusch stammt von einem Linzer Wanderprediger. (Bucharchiv Oswald)
Das Thema Natascha Kampusch ist nach zahlreichen Büchern und Interviev-Serien vom Tisch. Zu den skurrilsten Büchern gehörte übrigens eines von einem Motivationstrainer. Es hat Karl Michael Pilsl geschrieben. Es ist ein klassisches Null-Fullbotschaft-Buch: Nach dem Motto „Das Leben ist hart. Gott ist gut.“ Der „Pastor“ feiert den Christusglauben am Beispiel Natascha Kampusch in einem Zitatefeuerwerk ab. Auf 97 Buchseiten sind gut 500 Bibelzitate eingeträufelt. Arbeitsprinzip: Natascha Kampusch ist gut. Das Thema Gott noch besser.
Pilsl ist Wanderprediger, Coach, Motivator, Vielschreiber. Er ist in einer „freien evangelischen Kirche“ dabei, die er der Einfachheit halber 1997 gleich selbst gründete: „Oase des Lebens„. In Wien-Vösendorf ist das Haus. Er ist auch Inhaber der Firma „Living Success“. Glücklich verheiratet (mit einer Amerikanerin) ist er – „seit 15 Jahren“ – auch. Wer hätte anderes erwartet.
Marcus J. Oswald (Ressort: Kidnapping)

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