Helmut Elsner redet, dichtet und steht vor dritter Anklage

Helmut Elsner ist der gesprächigste Untersuchungshäftling Östereichs. Auf jeden Fall jener mit der meisten Medienpräsenz. Im Dezember 2008 gab er dem WIENER ein Wirtschaftsfachinterview - rechts im Bild. Im Februar 2009 veröffentlichte er in PROFIL seine Abrechnung mit der Justiz in Form einer Büttenrede.
(Fotoquelle/Montage: Blaulicht und Graulicht/Archiv Oswald 1090)
(Wien, im Februar 2009) Der Häftling Helmut Elsner, 73, ehemaliger Generaldirektor des Wiener Geldhauses „BAWAG“ beklagte sich kürzlich, dass er schon zwei Jahre in Untersuchungshaft sitzt. Das ist in der Tat lang. Er sitzt seit 13. Februar 2007 in der JA Wien-Josefstadt ein. Allerdings nicht unbeachtet im Verlies. Ab Mitte 2007 stand er 117 Verhandlungstage im Rampenlicht im größten Wirtschaftsprozess der Republik Österreich. Dieser endete am 4. Juli 2008 mit 35 Jahren Haft für die Wiener Hochfinanz (für neun Angeklagte).
Seither ist es ruhig geworden um den Egozentriker, der 1964 in der „Arbeiterbank“ (später BAWAG) begonnen hat, bis an die Direktionsspitze durchmarschiert ist und bis 2006 ein sozialdemokratisches Parteibuch hatte. Ganz ruhig aber wieder nicht. Er versuchte mit bisher zehn Enthaftungsanträgen aus der U-Haft zu entrinnen. Das gelang beim Strafmaß von 9,5 Jahren nicht. Die bisher letzte Haftprüfung scheiterte am 10. Februar 2009 im Saal 59 des Landesgericht Wien. Der langjährige Exponent des Wiener Geldadels blieb wegen „Fluchtgefahr“, wo er ist.
Interview im „WIENER“
Bemerkenswert ist sein Rededrang. Er gibt in Haft Interviews so als wäre nichts geschehen, und das Direktorium der Justizanstalt Josefstadt genehmigt das. Damit genießt der Häftling Helmut Elsner einen Sonderstatus. Im Magazin „WIENER“ erschien in der Dezember-Ausgabe 2008 (S. 40-46) ein Interview zur Weltwirtschaftslage, das Anfang November 2008 schriftlich durchgeführt wurde. Die Fragen wurden von einem WIFO-Experten formuliert und brieflich ins Gefängnis geschickt. Helmut Elsner nutzte das Recht auf Briefverkehr nach § 86 StVG und beantwortete die Fragen binnen drei Tagen. Die Fragen berühren den Bawag-Prozess nicht.
Dafür „Ninja-Kredite“, Finanzprodukte auf Basis dieser Kredite, Kredite für Häuslbauer. Elsner beantwortet die Fragen brav. Er beruhigt: „Angst ist an sich ein schlechter Ratgeber bei allen wirtschaftlichen Entscheidungen. Allerdings sollten sich Häuslbauer mit Fremdwährungskrediten mit ihrer Hausbank in Verbindung setzen, um einen für sie günstigen Konvertierungszeitpunkt zu finden.“ Auf die Frage: „Ist das Sparbuch noch immer die beste Anlageform“, antwortet er: „In der derzeitigen Situation ist das Sparbuch für den Normalverbraucher die beste Anlageform. Grundsätzlich sollte man immer Geld, das kurzfristig verfügbar sein soll, auf einem Sparbuch anlegen. Nur mit langfristig nicht benötigtem Geld kann man in Aktien o. Ä. investieren.“
Elsner werden Fragen gestellt wie „Brauchen wir eine Steuerreform?“ (Antwort: „Mittelfristig ist eine Steuerreform sicher notwendig, wobei auch der Spitzensteuersatz kein Tabu sein darf“), „Wie kann eine Steuerreform aussehen?“ oder „Was kann der Staat konkret tun?“ Elsner wird als „Wirtschaftsexperte“ hofiert, was dem geduldigen Leser aufstoßen könnte, ist er doch in zwei Strafverfahren zu insgesamt 12 Jahren Haft unter anderem nach Betrug, Untreue und Bilanzfälschung verurteilt worden. Das Interview hat die Relevanz wie wenn man Teresa Orlowski zum Wirken Mutter Teresas befragt. Der „WIENER“ fand es besonders originell, gerade ihn zur tristen Wirtschaftslage zu befragen. Ob er für vier Druckseiten ein „Informations- und Auskunftshonorar“ bezogen hat, ist nicht bekannt.
Gedicht im „PROFIL“
Das wahre Gesicht zeigt der Ex-General zwei Monate später mit einem Gedicht. Konkret am 16. Februar 2009. Am 10. Februar 2009 scheiterte die zehnte Haftprüfung. Daher übermittelte der rüstige Senior dem Magazin „Profil“ ein Poem in Versform. Das Gedicht wurde bereits im Dezember 2008 verfasst. Es ist übertitelt mit „Gratulation an Frau Magister Bandion!“ Das Magazin breitet es in Ausgabe 8/09 auf zwei Seiten (S. 46 ff.) aus.
Er reimt sich den Frust vom Leib. Der Schelm lacht wie er denkt. Auszüge wurden in zahlreichen Zeitungen zitiert. Die Poeterei bietet einen Schnelldurchlauf aus Sicht des Helmut Elsner auf sein Verfahren. Hier nur zwei Passagen:
„Jetzt heißt es rasch zu reagieren/und einen Sündenbock zu präsentieren./Denn ohne einen herzuheucheln/könnt man den Ex-Vorstand nicht meucheln./Am End musst man sich gar noch zieren,/überhaupt „Prozess“ zu führen!/Und Volkeszorn sich erst erschöpft,/wenn Elsner endlich wird geköpft!/Und so erklären wir jetzt zum Schluss,/warum der Elsner sitzen muss!/Schaun Sie, wir Sozialisten/müssen schon länger ein tristes Dasein fristen./Jetzt wär der Wahlkampf wirklich fad,/wenn Elsner aus Frankreich nicht kommen tat,/weil er am Herzen an Krampf grad hat!“ (…)
„Dass die beiden Damen Schöffen/sich von Frau Rat haben lassen blöffen/haben sie nach aktuellem Bankenzustand/sicher auch schon selbst erkannt./ Doch trösten Sie sich, meine Damen,/ich hab Verständnis, wie sie zum Urteil kamen:/nicht Sie waren die Philister, sondern die frischgfangte Frau Justizminister!/Nun wird der Elsner noch zum größten Lacher/auch verurteilt zum Ministermacher!/Zu all dem noch sein Senf dazu,/beati pauperes spiritu.“ (Glücklich sind die Armen im Geiste. Anm., B&G)

Stiefelkönig aus dem Bawag-Reich wird Justizfall. (Foto: Stiefelkönig)
Dritte Anklage in Aussicht
Doch das Lachen könnte Helmut Elsner noch vergehen. Im Februar 2009 war im Landesgericht Wien zu erfahren, dass die BAWAG-Causa noch nicht abgeschlossen ist und in eine dritte Runde geht. Auch hier könnte Helmut Elsner Ungemach drohen.
Die „BAWAG-Abteilung“ der Staatsanwaltschaft Wien (Georg Krakow nicht mehr, da er Kabinettschef wurde) arbeitet an der Anklage im Fall Stiefelkönig.
Schon im März 2007 wussten kundige Wirtschaftsblätter, dass die Kreditvergabe der BAWAG beim steirischen Schuhproduzenten rund 100 Millionen Euro Verluste einbrachte. Elsner unterstützte die Schuhkette durch Kredite, da zwischen Firmengründer Manfred Herzl und ihm eine Freundschaft aus Grazer Zeiten bestanden haben soll.
100 Millionen Euro versiebt
Ende 2001 betrugen die Schulden von „Stiefelkönig“ rund 100 Millionen Euro, obwohl Elsner für die Erhöhung der Kreditlinie laufend Grünes Licht gab. Unter Johann Zwettler erfolgte 2003 die Komplettübernahme der maroden Kette. Sie wurde BAWAG-Tochterfirma. Zur Anklage gebracht werden soll das persönliche Naheverhältnis von Helmut Elsner zu Manfred Herzl in den Jahren bis 2001 und das Einverleiben der Handelskette zum Schaden der Gewerkschaftsbank durch Elsner-Nachfolger Johann Zwettler.
Marcus J. Oswald (Ressort: Justizkultur, Wirtschaft)

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