Blaulicht und Graulicht – Das Online Magazin

Marcus J. Oswald und Martin Luksan über: Stummer 1968

Veröffentlicht in Dossiers, Ernst W. Stummer von marcusjoswald am 13. September 2009

(Wien, im September 2009) Durch Zufall fand der Herausgeber am Wochenende in einer Kiste einen alten Lesetext. Dazu sind Anmerkungen nötig. 2003 hatten Marcus J. Oswald und Dr. Martin Luksan einen Vertrag mit dem Buchverlag Böhlau (Wien/New York). Damals trug sich der Herausgeber mit der Idee, ein Buch über Kriminalität zu schreiben. Martin Luksan sah die Archivschätze, Bücherschätze, Gedankenschätze. Er wollte mitmachen. Der Herausgeber fand das gut. Er suchte einen Verlag. Zuerst erinnerte Oswald den damaligen Verleger von Ueberreuter Mazzakarini an alte Tage und es gab einen Termin. Er sagt dann beim Termingespräch, dass das Thema zu komplex für seinen Verlag sei. Dann machte sich ein Verleger in Klosterneuburg erbötig. Dieser ältere Herr erzählte jovial, dass er in Döbling wohnt, die Russenmafia gleich neben seiner Villa. Was er nicht sagte, dass sein Verlag vor dem Konkurs stand. Wir waren vermutlich die letzten, die sein Büro bei Wien noch besuchten. Zwei Monate später war er am Handelsgericht in Konkurs. Die Frau Doktor im Böhlau Verlag, Verlagschefin, war am Interessiertesten. Der Herausgeber machte Termin am Sachsenplatz. Wir bekamen einen Vertrag samt Vorschuss. Das war im Sommer 2003. Dann geschah dieses: Wie immer, wenn zwei Genies etwas gemeinsam machen wollen, muss ein Genie nachgeben. Es entstanden Emails, die mit großer Wertschätzung erfolgten. Mit der Zeit schlichen sich in die Emails Vorwürfe ein. Im Kern: Der eine Coautor warf dem anderen Coautor vor, der jeweils andere könne „nicht schreiben“. Das ist natürlich dann unangenehm, wenn man zu Zweit ein Buch verfassen soll. Irgendwie gelangten die Emails dann auch noch „cc“ an die Verlagsleiterin des „Böhlau Verlag“ (durch den Herausgeber) und dann war die Frage, ob die beiden das überhaupt schaffen. Das Buch. Das sollte nämlich, so unser eigener Anspruch, kein Sachbuch werden, sondern ein großer Essay zur Kriminalität an Hand von lebenden und nicht mehr lebenden Figuren. Durchsetzt mit signifikanten Bildern (80 Stück).

Im Autorenvertrag stand, dass 70 Prozent des Textes von Oswald stammen, 30 Prozent von Luksan, dem heutigen Obmann des streng rationalen Freidenkerbundes. So sollten sich auch die Tantiemen aufteilen. Das war eine schlechte Konstruktion, vor allem, da man einen durchlesbaren Essay (250 Seiten) schreiben wollte, der eine einheitliche Tonlage hat. Das Zusammenspiel des belesenen Faktenmenschen Oswald und des belesenen Rhetorikers Luksan scheiterte. Der Verlag löste den Vertrag Ende 2003, nachdem die nächtlichen Emails bekannt waren, in denen der eine Autor dem anderen mangelndes Sprachgefühl oder zu wenig stilistisches Können vorwarf. Trotzdem ist das Ziel gültig: Man kann über Kriminalität an Hand von Beispielen einschätzend schreiben und müsste es auch. In den Medien ist dafür nicht Platz. In Zeitungen haben Kriminalberichte Unterhaltungswerte beizusteuern. Um Unterhaltung ging es unserem Buchprojekt nicht. Daher findet der Herausgeber den alten Text aus der Kiste (ein Kapitel aus dem Essaybuch „Die letzten Gauner von Wien“, das nie erschienen ist) lesenswert. Doch auch in diesem Kapitel zerbrach die schreiberische Doppelspitze an der Praxis: Luksan hat den Text, der ursprünglich von Oswald war, so stark „überarbeitet“ und „verdichtet“, dass dieser ihn stellenweise nicht mehr erkennen konnte. Umgekehrt wurde er klarer, gläserner, konkreter. Man ist tolerant. Will aber Erkennbarkeit. So war das damals. Trotzdem bleibt es lesbar, selbst wenn es stilistische Überlagerung ist (wie bei Arnulf Rainer). Deshalb wird der Lesetext hier zur Verfügung gestellt. Länge: Acht Buchseiten.

Beschrieben wird das Jahr 1968 des Wiener Einbrechers Ernst Walter Stummer, damals 30, aus Sicht der damaligen Autoren Marcus J. Oswald und Dr. Martin Luksan. (Fertigstellung dieses Kapitels war November 2003)

+++

Stummer 1968
(von Marcus J. Oswald und Martin Luksan)

In Stein hatte Stummer beim „Hamburger Fernlehrinstitut HFL“ den Gebrauch von Produkt-Werbung und Geschäfts-Korrespondenz erlernt. Er hatte zwischen 1966 und 68 mehr als 1.700 Seiten Lernunterlagen „inhaliert“, die er dann in Themen-Mappen mit nach Hause nahm. Für Hausarbeiten in Brief-Form, die er einem Wiener Korrespondenz-Partner nach Fünfhaus schickte, erhielt er fast immer gute Benotung. Er bestand die „Besonderheiten des Briefschreibens, Reklamationen, Wirkungsbriefe“ genauso mit „sehr gut“ wie die „Praktische Menschenkunde“ und den „Gewerblichen Rechtsschutz in Östereich“.

Dann hob sich das Eisentor in Stein und der gerade noch junge, lernfähige Mann wurde an einem Maitag des Jahres 1968 in die Freiheit entlassen. Mit ein paar hundert Schillingen in der Tasche, die die Rücklage seines Bäcker-Gehalts waren, stand er plötzlich in Wiens Straßen und frequentierte dort die Telefonhütten. Alles kam anders, als er es sich in der Zelle vorgestellt und durch Fernkurse vorbereitet hatte. Mit der unmodernen Kleidung startete der neue Marketing-Spezialist in der freien Handelswelt nicht durch. Mit der modernen allerdings auch nicht.

Anders als der Gewalttäter Pepi Taschner, der – ebenfalls 1968 – im schweren Mercedes der Wiener Unterwelt abgeholt und sogleich mit Anzügen – und mit Frauen – ausgerüstet worden war, stieg Stummer mit seiner Themen-Mappe in den Zug und fuhr allein nach Wien zurück. Dort verbrachte er seine ersten Nächte nicht in Diskotheken und in Bordellen, sondern in der winzigen Gemeindebau-Wohnung seiner Mutter.

Ernst Walter Stummer wollte sich eine wirtschaftliche Grundlage wirklich schaffen, als er da – mit dem Adressbuch in der Hand – auf alle möglichen Leute zurückgriff, die ihm für die Zeit nach der Haft ihre Unterstützung zugesagt hatten. Die vielen Adressen und Telefonnummern, die er gesammelt hatte, waren aber in der Freiheit nichts wert. Wer konkrete Hilfe akut braucht, verliert schlagartig das Gros seiner Bekannten. Gleich nach seiner Entlassung traf er einen Wiener Landtags-Abgeordneten in einem China-Restaurant auf der Mariahilferstraße (BILD: Kreuzung Mariahilferstraße/Neubaugasse, Archiv Luksan). Er aß mit ihm Huhn, schilderte ihm seine Pläne, und der andere nickte, lieh ihm sein Ohr, wusch seine Hände mit Zitronensaft. Tags darauf erschienen beide bei der Tante des Politikers in einem Pflegeheim, wo der Abgeordnete plötzlich einen Second-Hand-Anzug auspackte. Das war sein Beitrag für die neue Existenz von Ernst Walter Stummer. Dieser bestand die Anprobe bravourös und war nun in einen gut sitzenden Anzug gekleidet.

Nach Beendigung der dreijährigen Haft war der größte Wunsch des früh gestrauchelten, jungen Mannes eine solide wirtschaftliche Basis. Er wollte arbeiten, aber er weigerte sich zu akzeptieren, dass jemand anderer als er das Zweckmäßige dieser Arbeit bestimmte. Dies schloss aber eine Arbeit, um zu überleben, aus und war vielleicht der tiefste Grund für Stummers weiteren Widerstand gegen die Gesellschaft. So wollte er zum Beispiel nicht mehr Bäcker sein, weil die Lohnpfändungen, die er für seine Haftzeit zu erwarten hatte, ihn auf ein Existenz-Minimum heruntergedrückt hätten. Das Gehalt sollte höher liegen, damit ihm trotz der monatlichen Abzüge ein nennenswertes Einkommen blieb. Diese Abzüge oder Pfändungen wollte er nur auf der Basis eines „bürgerlichen Einkommens“ hinnehmen. Doch ohne Praxis und Referenzen, wie er war, war ihm ein Einstieg in die Wirtschaft als „Werbeberater“ völlig unmöglich.

So schlenderte er tagelang durch die schöne Stadt, in der der Aufbruch von 1968 nur scheinbar wehte, bis in der Simmeringer Hauptstraße unter der Eisenbahn-Brücke ein stillgelegter Würstelstand seinen praktischen Sinn beschäftigte. Die Bude gehörte einem Gastwirt in der Nähe, der ihm den Betrieb des Standes erlaubte, sofern er die Ware des Budikers dort verkaufte und dessen Schankpreise nicht unterbot. Stummer war glücklich, glaubte einen Neuanfang zu sehen; er fand die Arbeit mit den Würstelstand-Gästen viel spannender als die Herstellung von immer gleichen Semmeln täglich ab vier Uhr morgens.

Die weiteren Bedingungen dieses „Wirtschafts-Standortes“ waren aber nicht durchdacht. Weder war die Lage an der Durchzugsstraße ideal, noch waren die Preise für Speis und Trank realistisch kalkuliert. Eine Burenwurst an dieser Ausfallsstraße war zu teuer, vor allem für Jugendliche, die den Standler anbettelten. Der Ex-Häftling verschenkte einen Teil seiner Ware, war für ein Nein offenbar nicht hart gesotten genug. Mit der Zeit hielten die Einnahmen mit den Ausgaben nicht Schritt, obwohl der Standler durchaus ökonomische Maßnahmen setzte: Er warf Würste, die nicht fertiggegessen waren, nicht weg, sondern schnitt das angebissene Stück ab und legte die Wurst zurück in den Kessel. Da der Stand bei einer Haltestelle lag, bissen manche Gäste nur einmal von der Wurst ab, um die heranfahrende Straßenbahn zu nicht zu versäumen.

Die Bude mit den halben, heißen Würsten wurde bald von Schnorrern frequentiert. Zumindest in Simmering sprach sich die Kunde von dem Stand herum, bei dem es Essen zum Nulltraif gab. Immer mehr Leute kamen gratis essen. Außerdem hatte Stummer sein Abkommen mit dem Wirten verletzt und seine Ware nicht ausschließlich aus dem Gasthaus bezogen, sondern auch von einem Pferdefleischer auf der anderen Straßenseite. Im Kessel kamen die Wurst-Sorten mit den Wurst-Fragmenten durcheinander und so mancher zahlende Gast verzehrte das Falsche, ohne es zu merken.

Vor einer in der Luft liegenden Auseinandersetzung mit dem Besitzer trat Stummer die Flucht nach vorne an. Er ließ den Würstelstand offen und ging heim. Als ihn der Wirt später fragte, warum er den Stand offen gelassen hätte, log ihm Stummer ins Gesicht: Er hätte versperrt, aber es sei eingebrochen worden.

In den kundenfreien Stunden am Stand drang regelmäßig das Geräusch einer Schreibmaschine aus der Würstelbude. Wenn ein Kunde näher trat oder jemand auf die Straßenbahn wartete, ahnte er nicht, dass hier ein Ex-Häftling an den Texten für eine „Partner-Vermittlung“ herumhackte, die ein Sexkatalog werden sollte und zugleich der Ausweg dieses Mannes aus seiner kargen Situation. SEWUZ (Stummer Ernst Walter Unsere Zeitung) hieß der Katalog, der am Anfang nur aus losen Blättern bestand und den er ohne Gewerbeschein herstellen durfte, in einem rechtlich bis dato freien Raum.

Zwischentitel: Moral der Oberschicht und sexuelle Freiheit

Das Nachkriegskind Stummer hatte die Sexualität deutlich ausgelebt, selten unterdrückt und dies nie als unnatürlich empfunden. Der unverblümt ausgeschöpfte Sex war in einer Umgebung praktiziert worden, die dieses Verhalten übersah oder zumindest nicht strafend belauerte. Umso beklemmender war seine Verurteilung 1958 (die seine erste Strafe war) für „Unzucht mit einer Minderjährigen“, ein Delikt, das angeblich nie stattgefunden hatte, weil ein Geschlechtsverkehr nicht zustande gekommen war. Jedenfalls hatte ein bürgerlicher Richter über einen Unterschicht-Jungen eine Strafe mit Signalwirkung verhängt. Sechs Monate bedingt für einen 15-Jährigen, weil er einer gut entwickelten 13-Jährigen sehr nahe gekommen war. Eine fast sadistische Bestrafung für einen Normverstoß in einer Jugendszene, die im Wien von 1955 naturgemäß kaum betreut wurde.

Auf diesen „Anfang“ führte Stummer spätere Ereignisse etwas einseitig zurück. Auf jeden Fall spielte es in seinen Selbsterklärungen oft eine gewichtige Rolle, vornehmlich, wenn er in der Haftanstalt Briefe an heiratswillige Frauen schrieb, bis nach Übersee und in ferne Länder.

In der Haft bekam er zum ersten Mal die umfassende Erforschung des Sexualverhaltens der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hand. 1967 kam die deutsche Ausgabe des „Kinsey Report“ druckfrisch in die Gefängnis-Bibliothek von Stein. (BILD: Kinsey Report Ausgabe 1967, Bibliothek Oswald). Stummer war begeistert. Mehrere Sachbücher und sogar Gesetzestexte haben sein Leben eigentümlich beeinflusst, doch diese Mammut-Umfrage von Alfred C. Kinsey aus den USA der Nachkriegs-Jahre hat sein Nachdenken geprägt. Er las darin Sätze wie „Jede soziale Klasse ist überzeugt, dass ihre Verhaltensform die beste von allen sei“ oder „Die höheren Schichten begründen ihr Verhalten mit Argumenten von Recht und Unrecht“ oder „Die niederen Schichten begründen im Gegensatz dazu ihre Formen sexuellen Verhaltens vom Standpunkt des Natürlichen und Unnatürlichen.“

Als Mensch mit geringer Bildung hatte er in diesen allgemeinen Sätzen, die eine wissenschaftliche Autorität verströmen, einen Halt für die eigene Welterklärung gefunden. Der voreheliche Geschlechtsverkehr war natürlich, das „petting“ nicht, die Onanie auch nicht, jeder Ersatz für den guten, alten „intercourse“ war abzulehnen (was im Gefängnis Probleme aufwarf), weil nur dieser die Natur der unterdrückten Klasse über die Moral der Herren-Klasse triumphieren ließ.

Durch etwas zu einfache, aber nicht falsche Überlegungen bekam Stummer Einblick in das Funktionieren der Gesellschaft. In ihr verbindet sich die Macht zwar auch mit physischer Gewalt und mit der großen Zahl (von Personen) immer wieder neu, aber doch am Dauerhaftesten mit Geld. Gerade die aus dem Geld stammende Macht wird durch das Recht am Vollständigsten verhüllt. Das Recht wird hier zum Feigenblatt für den Willen einzelner, reicher Leute, die für ein sexuell erfülltes Leben in der Regel gar nicht zuständig sind. Von solchen Leuten fühlte sich Stummer bestraft, wenn er im Gefängnis Semmeln buk oder unter sexuellen Anwandlungen litt. Sein Gefühl für Untensein wurde ein politisches, das er aber nie parteipolitisch definierte, auch wenn er etwa 1967 viele Postkarten mit „Freidenker, derzeit in Haft“ zeichnete.

Einerseits haderte er mit der Moral der Oberschicht und war einer listigen Unterdrückung auf der Spur, andererseits bemerkte er selbst aus dem „Häfn“, dass sich die Gesellschaft in punkto Sexualverhalten liberalisierte. Darüber redete er mit dem Gefängnispfarrer im Rahmen einer „Cursillitas“-Runde in Stein, obwohl er sonst am Fortbestand der Kirche keinen Anteil haben wollte. Die Frage war: Veränderte die Gesellschaft die Moral, wenn der Flensburger Beate Uhse-Konzern 1967 mit zwei Millionen Kunden eine Schallmauer der Akzeptanz durchstieß? Der Geistliche sagte Nein, Stummer bejahte das.

Ende der 60er Jahre war der Erotik-Kommerz noch weitgehend auf Skandinavien beschränkt. Dort verkaufte zum Beispiel der Schwede Berth Milton das weltweit erste vierfarbige Erotik-Magazin „Private“ in einer Auflage von 10.000 Stück in seinem eigenen Buchladen. In Deutschland, wo die Bestimmungen zwar streng, aber nicht durchdacht waren, schmuggelte Beate Uhse ihre verschiedenartigen Artikel durch die Lücken des Gesetzes. Sie verkaufte diese anfechtbare Ware nicht nur gut, sondern gestaltete damit auch „ihren“ Markt. Sie wurde Marktführerin in der BRD durch das Ankaufen von Konkurrenz.

Als Ernst Walter Stummer 1968 seinen Neuanfang versuchte, fand er in Wien keinen vergleichbaren Markt vor. Es gab natürlich Pornografie unter dem Ladentisch, Schmuddelfilme a la Rondell-Kino und Striptease-Lokale, doch Druckwerke mit erotischem und pornografischem Inhalt, die außerdem der Partner-Suche dienten, waren noch kein Geschäftszweig. Stummer wollte dieses Geschäft machen, träumte davon, so wie man vom Erfolg eines Sachbuches träumt, dessen Leser man zu kennen glaubt, und hielt dabei Kataloge von Milton und Beate Uhse in Händen. Kurz davor hatte er um eine Konzession für eine „Partnervermittlung“ angesucht. Doch die Behörde hatte abgelehnt.

So wurde SEWUZ nicht als großer Wurf entwickelt, sondern als Kompromiss aus Dingen, die Stummer tun durfte, mit Dingen, die er gerne tat. SEWUZ war aus der Not geboren und dennoch kein bloßes Überlebensprojekt. Der Wunsch, eine Frau zu finden, die Kunst sich durch Briefe mitzuteilen und die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, gingen in SEWUZ eine Symbiose ein. (BILD: SEWUZ Nummer aus 1970, Bibliothek Oswald)

Bei diesem Katalog musste freilich in einem Punkt völlige Klarheit herrschen, was nämlich die Ware des Ernst Walter Stummer war. Für die Abbildungen fehlten die Modelle, für die Vermittlung von Prostitution die Prostituierten, was also sollten diese hektografierten Blätter, geschrieben auf rotem Papier mit einer Reiseschreibmaschine, leisten?

Stummer konnte, und darin war er sich im Klaren, nur ganze Menschen mit ganzen Menschen, Partner in Sachen Sexualität vermitteln. Deshalb lesen sich seine ersten Hefte wie heutige Eheanbahnungs-Inserate: „Ilse L…sucht Herrn mit IntelligenzberufAnton S….wünscht Eheglück mit hübschem, blonden Mädchen….Gerhard P…..Bekanntschaft mit üppiger Dame.“

Die Abbildungen kamen noch in der Zeit, als SEWUZ in der Würstelbude gestaltet wurde. Um sofort eine Versand-Struktur zu haben, kaufte Stummer Adress-Listen von einem Tonband-Tauschclub und ergänzte diese mit Adressen von Kunden und Jugendlichen des Würstelstandes. Er verkaufte Leberkäs-Semmeln, Frankfurter und Haaße mit an Bugl und entwickelte zwischendurch den Katalog. Die erste Ausgabe wurde verschenkt, aus Dank dafür artikulierten die Beschenkten Vorschläge für Verbesserungen. Forderung Nummer 1 war, Stummer möge einige Frauen zeigen, damit man sich einen Teil der aufgelisteten Frauen oder solche, von denen geträumt wurde, vorstellen könne.

Trotz der Abbildungen in SEWUZ blieb aber die Idee der Partnerschaftlichkeit, basierend auf der Freiwilligkeit und Gleichberechtigtkeit von Mann und Frau, hinter den Inhalten des Magazins aufrecht. Diese Idee hatte schon der junge Stummer beachtet und sie war mit ein Grund, warum er sich von Zuhälterei zeitlebens fernhielt. In diesem Punkt ließen ihm Presse-Berichte späterer Jahre wenig Gerechtigkeit widerfahren, wenn sie ihn als „Boss einer Porno GesmbH“ oder „Chef einer Sex-Agentur“ apostrophierten. Zwar gab es eine Grauzone zwischen der Vermittlung ganzer Menschen und der Vermittlung von Prostituierten, in die er leicht geriet, doch pflegte er keine unterschiedlichen Erträge aus diesen unterschiedlichen Vermittlungen zu lukrieren.

Ein Bild von 1969 zeigt ihn als jungen Mann in einer Döblinger Straße mit weißem Hemd, schwarzer Krawatte, Seitenscheitel. Er erweckt den Eindruck, als ginge es direkt zum Standesamt. Und das junge Mädchen mit den dicken Augengläsern hat ihre rechte Hand auffallend schüchtern auf seiner Schulter, als wollte es sagen: Er gehört zu mir. (BILD: St + Mädchen 1968, Sternwartestraße)

[Fundstück aus Kiste, Ende]

Marcus J. Oswald (Ressort: Dossier Ernst Walter Stummer)