Uni-Streik – Tag 6 – Gute Stimmung, noch keine Müdigkeit

Die Universität wird derzeit im wahrsten Sinn des Wortes besetzt. Die Stimmung ist auch am sechsten Tag blendend. Im Bild ein Unbekannter mit Haube, eine Frau, Gerhard, der weiblichen Anschluss sucht und George Hastings, der afrikanische Austauschstudent. Nirgendwo kann man schneller eine Frau kennenlernen als auf der Universität. Es ist 3 Uhr 43 morgens. (Foto: Marcus J. Oswald, am 28. Oktober 2009)
(Wien, im Oktober 2009) Der Herausgeber machte sich heute selbst ein Bild und nahm am Uni-Streik teil. Er war von 1 Uhr 30 bis 5 Uhr 30 in der Universität. Nach der Ankunft erste Wahrnehmung: Im Audi Max darf geraucht werden. Zweite Wahrnehmung: Es darf Bier getrunken werden. Drittens: Es wird laut musiziert. Eine Band spielt mit Gitarrenrock auf. Erste Reihe fußfrei stehen Headbanger und schütteln den Kopf, bis das Haar fliegt. Von der Galerie hängen Transparente mit allgemein gehaltenen Losungen herunter.
Das Audi Max ist der größte Hörsaal der ältesten österreichischen Universität. Der Saal war zu Studienzeiten des Herausgebers in den 90er Jahren – diese dauerten lang und wurden eine Beethovensche Neunte – ein Ort des Grauens: Erdrückend dunkelbraune Mahagonyholzvertäfelung an den Wänden bis unter die Decke. 600 Hörer saßen unten, maximal 170 auf der Galerie, machte knapp 800 Personen in einem Raum. Viele gingen nur wegen der Mädchen hin. Diese kamen immer pünktlich und schrieben brav mit.
Großer Saal – einst Jörg Haider ausgebuht
Die Sitzplatzgröße hat sich bis heute nicht verändert. Nur der Raum sieht heute aus wie eine U-Bahn-Station: Modernes Wand- und Lichtdesign, rote Klappsessel wie in der U 6. Der Raum hat seinen Schrecken verloren. Das war schon einmal anders: Im Audi Max hat Jörg Haider 1994 eine Rede gehalten, besser: Es versucht. Es war die Zeit, der energischen Ideologiekämpfe. Haider wurde übertönt und ausgebuht. Er griff zum roten Megaphon und verschuf sich weiter Gehör. Er schimpfte auf die „roten Studenten“, den „Rotfunk“ (ORF), wurde aber schließlich verjagt. Vor dem Saal gab es dann Rempeleien und Raufereien unter Anhängern und Feinden. Damals hatte der bis heute fensterlose Riesensaal noch die dunkelbraune Mahagonyholzvertäfelung bis unter die Decke. Positionen wurden ausgefochten. Wer sich durchsetzen wollte, musste sich organisieren.

Um halb vier Uhr früh stehen immer noch Leute in der Universität herum. Polizei ist keine anwesend. Der größte Hörsaal ist besetzt und damit selbstverwaltet.
(Foto: Marcus J. Oswald, 28. Oktober 2009, 3 Uhr 38)
Das „Audi Max“ in der Universität Wien wird seit sechs Tagen bestreikt. Es ist kein Generalstreik. Der Herausgeber war am 28. Oktober 2009 um 11 Uhr noch einmal in der Uni Wien und ging das Haus ab. In allen anderen Hörsälen ist Vorlesungsbetrieb. Die Bibliothek ist offen. Bei der vormittäglichen Nachschau am 28. Oktober 2009 strömten Studenten die Hauptrampe hoch, gingen durch die Glastür in die Aula und verteilten sich im linken und rechten Flügel der Universität in die diversen Hörsäle. Um 11 Uhr fand eine Begehung durch die Feuerwehr und Polizei in allen Nebenräumen statt. Es wurde festgestellt, dass keine besonderen Vorkommnisse sind. Nur im Gang zum Audi Max ist „Streikbetrieb“. Hier ist die „Volxküche“ untergebracht, die seit einer knappen Woche rund um die Uhr gegen eine kleine Spende Speis und Trank verabreicht. Fruchtsalat und Obst, aber auch Getränke.
Nächtliche Live-Musik als Munterhalter
Am besten streikt es sich in der Nacht. Am 28. Oktober von 1 Uhr 30 bis zum Verlassen der Universität um 5 Uhr 30 spielen drei unterschiedliche Live-Bands im „Audi Max“ auf. Der Saal ist zu einem Drittel gefüllt. Reden werden zu dieser Zeit nicht mehr gehalten, Musik steht im Zentrum. Es wird geraucht, getratscht, manche schmusen mit ihrer Freundin, die sie mitgebracht oder soeben vor einer Stunde kennengelernt haben. Einer im Gespräch sagt (eine Stunde später unterhält er sich intensiv mit einer Blonden): „Wie gut, dass ich schon 32 bin. Es hat sich nichts verändert. Nur die Architektur.“ Er wirft einen Blick in die Runde und ist gut gelaunt. Er studierte Kunst an der Akademie, kam zum Vorbeischauen, weil er ahnte, dass eine Menge Erstsemestrige da sind. Einer bietet er gleich Feuer an. „Die Demonstrationen dauern solange, bis Ottakringer das Sponsoring einstellt“, argwöhnt sein kritischer Begleiter. Auch er begann 1995 ein Studium, „einige Semester Psychologie“. Dann brach er ab und ist seit sieben Jahren in der Kunstbrache tätig. Zu den Zielen des Streiks ist er nicht im Detail informiert. Er meint sowieso, abgeklärt: „Es gibt die Bologna-Ziele“ und die internationalen Verträge.
„Bologna-Prozess“ seit 1999 im Laufen
Die Bologna-Ziele: 1999 schrieben 29 Bildungsminister in der EU fest, dass das europäische Hochschulwesen vereinheitlicht werden soll, damit Studenten einen länderübergreifenden Leistungsnachweis erhalten, da es lange den Streit gab, dass diese und jene Studien in manchen Ländern „nicht anerkannt“ wurden. Es ging auch darum, dass man die Studien vergleichbar macht. Das Ganze wurde völkerrechtlich festgelegt. Wie immer gingen regionale Eigenheiten verloren. Das Ziel war, dass Studienabschlüsse auch in anderen Ländern der EU zählen. Die letzte Umsetzung wurde mit 2010 festgelegt. Das findet nun statt. Auf Plakaten an den Wänden des „Audi Max“ liest man, dass die Bologna-Ziele nicht akzeptiert werden und neu diskutiert werden müssen. Bei allem Respekt für ein Bestreiken des Audi Max muss aber gesagt werden, dass dieses Ziel zu hoch gegriffen ist.
Kontextuelles Denken
Universitäten sind Orte, wo in Wissenserwerb und kontextuelles Denken investiert wird. Es gibt einen Platin-Satz: „Wissen ist der einzige Rohstoff, der sich bei Gebrauch vermehrt.“ Daher waren Hochschulen immer auch Bildungsstätten und nicht nur Ausbildungsstätten. Doch der Zug ist abgefahren. Es gibt schon zahlreiche Abgänger nach dem vereinheitlichten Studiensystem, die Kritik kommt reichlich spät. Gleichwohl ist eine Grundlagendebatte über Arten der Bildungszufuhr laufend nötig. Hans Hurch, Koordinator der Viennale, sah am 26. Oktober 2009 kurz vorbei. Robert Menasse hielt eine Rede. Er machte den Demonstranten Mut und sprach davon, dass das „Hohe Haus heute in der Universität“ sei. In einer Karikatur an einem Seiteneingang ist sein Kopf auf ein Blatt Papier von unbekannter Hand gezeichnet und darunter ein Zitat: „Eure Forderungen sind bestürzend bescheiden.“ Er fordert also mehr.

Robert Menasse lobt den Elan der Studenten, sieht die Forderungen aber zu bescheiden gefasst.
(Foto: Plakat im Audi Max, am 28. Oktober 2009)
Manche Studenten fordern tatsächlich mehr. Das Denkspiel, die Abschaffung des Kapitalismus, gehört zu einem solchen Protest dazu. Der Unterschied liegt darin, dass, was in der Klausur-Atmosphere des fensterlosen Kubus „Audimax“ denkmöglich ist, in der Praxis immer schwerer umsetzbar wird. Weil die, die mit vollen Hosen stinken wie Anwälte, Primarärzte, Berufspolitiker sich einen Deut darum scheren, dass ein durchschnittlicher Student der Geisteswissenschaft in einer Wohnung um 400 Euro Kaltmiete lebt, Vollpreis bei der öffentlichen Verkehrsmitteln zahlen soll und am Ende rund tausend Bücher gekauft haben wird – und dafür noch Studiengebühr zahlen soll, weil der nun entflohene Wissenschaftsminister Hahn, vormals Geschäftsführer eines Glücksspielkonzerns (Novomatic), partout die Studiengebühren wieder einführen will. So als wäre eine Universität ein Spielcasino, in dem es Zutrittserlaubnis nur für die gibt, die Geld haben.
„Heute“: „Kurier, das Zentralorgan der Spießbürger“
Daher ist derzeit bis 5 Uhr morgens reger Betrieb an der Universität. Nebengefechte gibt es in Wiener Zeitungen: Die Zeitung „Heute“ hob die „Uni-Krise“ in den letzten sechs Tagen drei Mal auf die Titelseite samt Schlagzeile. Dann setzte es Konkurrenzkritik, was man im verhaberten Wiener Medienwesen selten in der Schärfe liest: „Heute“ bezeichnete den „Kurier“ als „Zentralorgan der Spießbürger“, wie Chefredakteur Richard Schmitt schreibt. (Tageszeitung Heute, 27. Oktober 2009, S. 5) Anlass war ein Bericht im „Kurier“, in dem Söhnchen und Töchterchen aus gutem Hause zitiert werden, die sich beschweren, dass sie nicht „zum Lernen“ auf die Uni können. Schmitt fasst es treffend zusammen: „Ja, die ‘Braven’, die sich mit dem Ellbogen-System auf den Hochschulen bestens arrangiert haben, sind traurig.“ (Tageszeitung Heute, 27. Oktober 2009, S. 5)
Nicht nur die Braven sind „traurig“, auch die Bösen, die sich um Wahlfreiheit im Studium durch die EU betrogen fühlen und den Untergang einer langen Bildungstradition beklagen.

Zeitung Heute ist für die junge Generation und zeigt die Probleme griffig auf.
(Foto: Heute, 23. Oktober 2009. Quelle: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Zeitung Heute hebt sich vom Pensionistenblatt Kronen Zeitung wohltuend ab und berichtet wertfrei über das Geschehen. (Foto: Heute, 27. Oktober 2009. Quelle: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Die Zeitung Heute entspricht in der Wiener Medienlandschaft mit ihren kurzen, aber prägnanten Berichten am meisten einem Meidum der Generation 2.0. Die nach Auflage zweitgrößte Zeitung Wiens nutzt ihre hohe Tagesverbreitung von 300.000 und legt am 28. Oktober ein drittes Mal das Thema auf die Titelseite.
(Foto: Heute, 28. Oktober 2009. Quelle: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Realistisch gesagt reichen einige Transparente nicht aus, um den Bologna-Prozess zu stoppen. Dieser sah ab 1999 eine Vereinheitlichung des Studiums vor. Freilich bleiben andere Fragen, die eine weitere Politisierung des Studienalltags in vielen Nebenfragen braucht. Studenten haben keine Gewerkschaft, diese sind nur sie selbst. Was sie mit Beharrung demonstrieren. (Foto: Marcus J. Oswald am 28. Oktober 2009, 1 Uhr 59 im Audi Max der Universität Wien)

Diskussion darüber, wie weit man alle Vorgänge multimedial präsentieren muss. Es gibt pro und contra.
(Foto: Marcus J. Oswald, am 28. Oktober 2009, 5 Uhr 18)
Großansicht Disput Stream, Facebook, Twitter – Ja oder Nein?
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Wiki-Log Unibrennt mit Terminen
Livestream zu Unibrennt (Livecam)
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Querlesen:
ORF Futurezone über die Medienarbeit im Hintergrund der Proteste: Twitter, Facebook, StuiVZ, WikiLogs, Blogs, Webseiten. Politischer Protest als „dezentraler Schwarm“. (ORF Online, 28. Oktober 2009)
Marcus J. Oswald (Ressort: Das ist)




Neuer Bildungsstreik in Deutschland und Soliwelle dt. Universitäten mit Wien > http://www.glocalist.com/news/kategorie/soziales/titel/neuer-bildungsstreik-in-deutschland/