Gefängnisdirektor Günther Mörwald zu Josef Fritzl: “Angepasster Häftling”
Günther Mörwald, Direktor der Justizanstalt St. Pölten: “Die Aufregung findet derzeit in Amstetten statt, nicht bei uns.” (Foto: Marcus J. Oswald für diegalerie, 6-05-2008)
Die beiden Gefängnishöfe, in denen sich die Insassen der JA St. Pölten unter grünem Sicherheitsnetz eine Stunde am Tag bewegen, betritt Josef Fritzl derzeit nicht. Ihm gefallen die Höfe nicht und er verzichtet auf den täglichen Spaziergang zwischen acht und neun Uhr morgens. (Foto: Marcus J. Oswald für diegalerie)
Österreich - Für 10 Delikte gibt es lebenslang
(Wien, im Mai 2008) Im Sommer 2006 füllte in Österreich zuletzt eine kurze Debatte das mediale Sommerloch. Thema: Lebenslange Haftstrafe. Die grüne Partei, im Parlament mit 10 Prozent der Wähler repräsentiert, forderte deren Abschaffung und zum Ersatz die gesetzliche Höchststrafe für Kapitaldelikte: Maximum 20 Jahre. Hintergrund war die Überfüllung der österreichischen Gefängnisse. Die Debatte fand kein Echo.
Abschaffung von “Lebenslang” ist unpolulär
Wenige Wochen danach, am 23.08.2006, lief in Strasshof (Niederösterreich) ein 18-jähriges Mädchen über die Straße. Es hieß Natascha Kampusch. Monatelang hatte Österreich Verließ-Geschichten vor Augen und den Ruf, eine schlecht organisierte Gesellschaft zu sein. Manche waren froh, dass sich Kidnapper Wolfgang Priklopil am selben Tag vor den Zug warf. (Fotos seiner Leiche wurden nie gezeigt; man kann aber davon ausgehen, dass er tatsächlich tot ist und nicht in Argentinien über den U-Ausschuss zu seiner Causa lacht.)
Einige forderten in Leserbriefspalten der größten Boulevardzeitung die Neuauflage der Todesstrafe. Diese wurde in Österreich 1968 im Parlament abgeschafft. Die ultimative Höchststrafe für besonders grausame Gefährdungsdelikte blieb die Überschreitung der zeitlichen Höchststrafe von 20 Jahren: Lebenslang.
Im aktuellen Fall des pädophilen Josef Fritzl wird das Thema “Lebenslang” wieder diskutiert werden.
Wann kommt die lebenslange Freiheitsstrafe zum Zug?
10 Delikte im Strafgesetzbuch mit “lebenslang” belegt
Aktuell gibt es im Österreichischen Gesetzbuch zehn Strafdelike, die potentiell mit lebenslanger Haft bedroht sind. Voraussetzung: Sofern der Täter das 21. Lebensjahr vollendet hat (§ 36 StGB).
Taxativ sind das folgende Tatbilder: Obligatorisch ist “lebenslang” beim Delikt Völkermord (§ 321 Abs 1 StGB). Zur Wahl steht sie neben der 10 - 20-jährigen Zeitstrafe beim Vorsatzdelikt Mord (§ 75 StGB) - der Versuch kann wie die vollendete Tat sanktioniert werden. Ferner bei Erpresserischer Entführung (§ 102 Abs 3 StGB) und
bei Schwerem Raub (§ 143 StGB), wenn die Tat den Tod eines Menschen zur Folge hatte, sowie bei den Gemeingefährdungsdelikten Brandstiftung (§ 169 Abs 3 StGB), Vorsätzliche Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen (§ 171 Abs 2 StGB), Vorsätzliche Gefährdung durch Sprengmittel (§ 173 Abs 2 StGB), Vorsätzliche Gemeingefährdung (§ 176 Abs 2 StGB), Luftpiraterie (§ 185 Abs 2 StGB) und Vorsätzliche Gefährdung der Luftfahrt (§ 186 Abs 3 StGB), wenn die Tat jeweils den Tod mehrerer Menschen nach sich zog.
Drei Kerndelikte
All diese Delikte spielen im Polizei- und Gerichtsalltag praktisch keine Rolle. Ausnahme sind Schwerer Raub
und Brandstiftung (mit denen jedoch selten die Tötung von Menschen verbunden ist), sowie Mord.
Für ein Urteil “Lebenslange Freiheitsstrafe” braucht es gewichtige Gründe. Aktuell sitzen in Österreich
193 Lebenslange in vier großen Strafanstalten (JA Stein, JA Garsten, JA Karlau, JA Schwarzau).
Im Kriminalfall Josef Fritzl in St. Pölten reichen Freiheitsberaubung, Blutschande, jahrzehntelange Serienvergewaltigung, Schwere Nötigung, Körperverletzung allein nicht aus, um ihn einer langen - für den
73-jährigen Päderasten finalen - Freiheitsstrafe zuzuführen.
Daher betreibt die Staatsanwaltschaft St. Pölten unter dem Vorsitz des Leitenden Staatanwaltes Gerhard Sedlacek eine Ermittlung in Richtung Mord, da eines der sieben Inzest-Kinder, ein Zwillingssohn, drei Tage nach der Geburt starb. An diesem Kardinalpunkt im Kriminalfall Fritzl wird die STA St. Pölten alles aufhängen, um die ultimative Strafe einzufordern. Das entspräche dem Willen der Bevölkerung, wird juristisch aber eng.
Marcus J. Oswald (Ressort: Lebenslang)
Josef Fritzl - pädophil, dominant, sadistisch
Inzest-Täter Josef Fritzl, 73 - monströse Mischung aus Pädophilem, Sadisten, Kidnapper, Mehrfach-Vergewaltiger seiner eigenen Tochter und mutmaßlich auch Mörder eines der sieben (!) Inzest-Kinder. Seit Jahren Thailand-Tourist. Nun in der JA St.Pölten.
(Wien/St. Pölten, im April 2008) Die Dimension des Missbrauchsfalles Elisabeth Fritzl übersteigt in der Abartigkeit die bislang in Österreich bekannt gewordenen Fälle Natascha Kampusch oder jenen am Linzer Pöstlingberg, in dem eine Mutter ihre drei Töchter jahrelang von der Öffentlichkeit wegsperrte.
Josef Fritzl, 73-jähriger Pensionist aus der 23.000 Einwohner-Stadt Amstetten (Niederösterreich), ist ein Pädophiler klassischen Zuschnitts. Das leitet sich nicht bloß aus dem Umstand ab, dass der gelernte Elektroinstallateur bis zuletzt einen Handel mit Unterwäsche betrieb.
Hauptgrund ist, dass er neben seiner 69-jährigen Ehefrau Rosemarie auch ein sexuelles Verhältnis zur heute 42-jährigen Tochter Elisabeth Fritzl unterhielt und mit ihr insgesamt sieben (!) Kinder zeugte. Der sexuelle Missbrauch an der Tochter soll schon vor deren Gefangenschaft am 28.08.1984 im Kellerverließ des eigenen Hauses stattgefunden haben.
Thailand-Urlaube
Ein grelles Licht auf den Charakter des 73-Jährigen werfen seine regelmäßigen Urlaube in Thailand, die bis zu drei Wochen gedauert haben sollen. Drei Fragen knüpfen sich daran:
a. Waren es klassische “Sexurlaube” wie man es von einem Mann wie Josef Fritzl erwarten kann?
b. Wer versorgte in der Urlaubszeit die Tochter Elisabeth Fritzl und ihre drei Kellerkinder mit Nahrung?
c. Wusste Ehefrau Rosemaria Fritzl tatsächlich über die Geschehnisse in der Ybbsstraße 40 nichts?
Voyeure des Grauens
Österreich ist spätestens seit dem aufgedeckten “Fall Kampusch” im Jahr 2006 keine Insel der Seligen mehr. Mit Otto Dixscher Genauigkeit legen derzeit internationale Medien von CNN bis BILD-Zeitung als “Voyeure des Grauens” den Finger tief in die Wunden der Familiengeschichte Fritzl. Blinde Behörden werden scharf kritisiert. Ignorante Nachbarn mit Kopfschütteln bedacht. Die Planlosigkeit des Jugendamts Amstetten getadelt. Dass in den 90er Jahren immerhin drei Mal (!) binnen vier Jahren ein Findelkind vor dem Haus Ybbsstraße 40 in Amstetten abgelegt wurde, war nicht Zufall, sondern Kalkül eines betrügerischen Inzesttäters, der alle getäuscht hatte.
Mitte April 2008 erkrankte ein 19-jähriges biologisches Keller-Kind des Josef Fritzl so schwer, dass es ins Koma fiel. Die Ärzte am LKH Amstetten suchten via Medienaufruf tagelang die leibliche Mutter. Diese sah die Berichte vom Koma-Mädchen in ihrem Verließ im Fernsehen. Am 26.04.2008 fuhr Josef Fritzl mit dem Kidnappingopfer, seiner 42-jährigen Tochter, zum Krankenhaus. Dort wurde er schachmatt gesetzt und festgenommen.
Justizanstalt St. Pölten
Am Sonntag, 27.04.2008 wurde Josef Fritzl in die Justizanstalt St. Pölten überstellt. Die JA St.Pölten zählt von den 28 österreichischen Gefängnissen zu den drei Schlechtesten. Josef Fritzl darf nun Montags und Donnerstags vormittag jeweils fünf Minuten Duschen. Er wird keine Arbeit zugeteilt bekommen. Er sitzt in schmierigen Hafträumen, in denen die Fenster verließgleich auf 2,10 Meter Höhe liegen. Er bleibt zumindest ein Jahr bis zu seinem Prozessbeginn im Frühjahr 2009 in U-Haft. Der Fall mag für die Kriminalisten abgeschlossen sein, die psychiatrischen Gutachten der zahlreichen Inzestkinder dauern. Zudem benötigt in St. Pölten ein Schwurprozess in der Vorbereitung 10-12 Monate.
Wenn er Pech hat, kommt er unter verschärften Bedingungen in den 2. Stock der JA St. Pölten zu Stockchef Kotz und seinem Stellvertreter Kummer. Diese beiden Justizwachebeamten machen keinen Hehl daraus, in welcher Tonart sie mit Inhaftierten umgehen, die ein in ihren Augen widerwärtiges Delikt begangen haben.
Josef Fritzl wird von Anstaltsdirektor Günther Mörwald keine Besuchererlaubnis bekommen und die kleine Sprechzone mit vier Kabinen nie von Innen sehen. Im Gefängnishof wird er im Sommer 2008 unter einem Sicherheitsnetz seine Runden drehen. Mit betrügerischem Geschick wird er leichtgläubige Mitinsassen in Gespräche verwickeln und “seine” Version der Taten an den Mann bringen. Nützen wird ihm das nur im begrenzten Umraum der 250 Insassen etwas, nicht aber in der breiten Öffentlichkeit, die über Schuld und Unschuld entscheidet.
Landesgericht St. Pölten - Das “Texas” von Österreich
Das LG St. Pölten gilt als strengstes Landesgericht in Österreich. Man bezeichnet den Gerichtsbezirk in Justizkreisen als “Texas von Österreich”. Dort werden sehr hohe Strafen vergeben, die das OLG Wien oft nach unten korrigieren muss. Richter Hofrat Peter Kotynski geht in einem Jahr in Pension. Der weißhaarige Mann schickte viele Männer schon wegen weitaus geringeren Deliktsmustern 14 Jahre hinter Gittern. So erst kürzlich in einem “Entführungsfall”, der zwei Tage dauerte und eine Lösegeldforderung von 500 Euro zum Inhalt hatte.
Richter Kotynski wird den Fall, seinen letzten großen Fall an sich ziehen. Und er wird ein Strafmaß fällen, das nichts zu wünschen übrig läßt. Auf das Alter des Angeklagten nahm der gestrenge Richter noch nie Rücksicht. Für ihn steht ordnungspolitisches Denken mit christlich-sozialer Basis im Vordergrund.
Nach dem Urteil bleibt dem 74-Jährigen Josef Fritzl nur noch die Auswahl: Geht er in die Justizanstalt Garsten, Karlau oder Stein. Mehr ist nicht mehr.
Marcus J. Oswald (Ressort: Kidnapping, Dossiers, Josef Fritzl)



